20.

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

Oft in tiefer Mitternacht

Faßt mich ein unendlich Bangen

Um die Tage, die vergangen

Und mich nicht ans Ziel gebracht.

Was ich jung umsonst gesucht,

Kann ich's alternd noch erringen?

An die ausgewachsnen Schwingen

Hing sich, ach, des Siechtums Wucht.

„Wirf denn hin den Zauberstab,

Eh' er dir entsinkt mit Schmerzen!

Nimm die letzte Glut im Herzen

Ungesungen mit ins Grab!“

Still, o still! Ich lern' es nie,

Stumme Tage klug zu weben.

Trostlos Darben wär ein Leben

Ohne dich, o Poesie!

Nach dem Kranz, der vor mir schwebt,

Muß ich ringen Stund' um Stunde,

Wie der Aar, der flügelwunde,

Sterbend noch zur Sonne strebt.