Carpe diem?

By Annette von Droste-Hülshoff

Pflücke die Stunde, wär' sie noch so blaß,

Ein falbes Moos, vom Dunst des Moores naß,

Ein farblos Blümchen, flatternd auf der Haide;

Ach, einst von Allem träumt die Seele süß,

Von Allem, was, ihr eigen, sie verließ,

Und mancher Seufzer gilt entflohnem Leide.

In Alles senkt sie Blutestropfen ein,

Legt Perlen aus dem heiligtiefsten Schrein,

Bewußtlos, selbst in grauverhängte Stunden;

Steigt oft ein unklar Sehnen dir empor,

Du schaust vielleicht wie durch Gewölkes Flor

Nach Tagen, längst vergessen, doch empfunden.

Wer, der an seine Kinderzeit gedenkt,

Als die Vokabeln ihn in Noth versenkt,

Wer möcht’ nicht wieder Kind sein und sich grauen?

Ja, der Gefangne, der die Wand beschrieb,

Fühlt er nach Jahren Glückes nicht den Trieb,

Die alten Sprüche einmal noch zu schauen?

Wohl giebt es Stunden, die so ganz verhaßt,

Daß, dem Gedächtniß eine Centnerlast,

Wir ihren Schatten abzuwälzen sorgen;

Doch selten schickt sie uns des Himmels Zorn,

Und meistens ist darin ein gift’ger Dorn,

Der Moderwurm geheimer Schuld verborgen.

Drum, wer noch eines Blicks nach oben werth,

Der nehme, was an Lieben ihm bescheert,

Die stolze, wie die Stund’ im schlichten Kleide

Der schlürfe jeden stillen Tropfen Thau,

Und spiegelt drin sich nicht des Aethers Blau,

So lispelt drüber wohl die fromme Weide.

Freu’ dich an deines Säuglings Lächeln, freu’

Dich an des Jauchzens ungewissem Schrei,

Mit dem er streckt die lustbewegten Glieder;

Wär zehnmal stolzer auch, was dich durchweht,

Wenn er vor dir dereinst, ein Jüngling, steht,

Dein lächelnd Kindlein gibt er dir nicht wieder.

Freu’ dich des Freundes, eh zum Greis er reift,

Erfahrung ihm die kühne Stirn gestreift,

Von seinem Scheitel Grabesblumen wehen;

Freu’ dich des Greises, schau’ ihm lange nach,

In Kurzem gäbst vielleicht du manchen Tag,

Um einmal noch dies graue Haupt zu sehen.

O wer nur ernst und fest die Stund’ ergreift,

Den Kranz ihr auch von bleichen Locken streift,

Dem spendet willig sie die reichste Beute;

Doch wir, wir Thoren drängen sie zurück,

Vor uns die Hoffnung, hinter uns das Glück,

Und unsre Morgen morden unsre Heute.