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By Annette von Droste-Hülshoff

Tief tiefe Nacht, am Schreine nur der Maus geheimes

Nagen rüttelt,

Der Horizont ein rinnend Sieb, aus dem sich Kohlenstaub

entschüttelt,

Die Träume ziehen, schwer wie Blei und leicht wie Dunst,

um Flaum und Streue,

In Gold der hagere Poet, der dürre Klepper wühlt im

Heue,

Vom Kranze träumt die Braut, vom Helm

Der Krieger, und vom Strick der Schelm.

In jener Kammer, wo sich matt der Fenster tiefes Grau

schattiret,

Hörst du ein Rieseln, wie die Luft der Steppe zarten Staub

entführet?

Und ein Gesäusel, wie im Glas gefangner Bremse Flügel

wispelt?

Vielleicht 'ne Sanduhr die verrinnt? ein Mäuschen das im

Kalke rispelt?

So scharf es geht, so bohrend ein

Wie Sensenwetzen am Gestein.

Und dort am Hange — Phosphorlicht, wie's kranken Gliedern

sich entwickelt?

Ein grünlich Leuchten, das wie Flaum mit hundert Fäden

wirrt und prickelt,

Gestaltlos, nur ein glüher Punkt in Mitten wo die Fasern

quellen,

Mit klingelndem Gesäusel sich an der Phiole Wände schnellen,

Und drüber, wo der Schein zerfleußt,

Ein dunkler Augenspiegel gleißt.

Und immer krimmelts, wimmelts fort, die grüne Wand des

Glases streifend,

Ein glüher gieriger Polyp, vergebens nach der Beute greifend,

Und immer starrt das Auge her, als ob kein Augenlied es

schatte,

Ein dunkles Haar, ein Nacken hebt sich langsam an des

Tisches Platte,

Dann plötzlich schließt sich eine Hand

Und im Moment der Schein verschwand.

Es tappt die Diel' entlang, es stampft wie Männertritt auf

weichen Sohlen,

Behutsam tastend an der Wand will Jemand Rathes sich

erholen,

Dann leise klinkt der Thüre Schloß, die losgezognen Riegel

pfeifen,

Durch das Gemach, verzitternd, scheu, gießt sich ein matter

Dämmerstreifen,

Und in dem Rahmen, duftumweht

Im Nachtgewand der Täuscher steht.

Wie ist die stämmige Gestalt zum sehnenharten Knorren

worden!

Wie manches, manches graue Haar schattirt sich an der

Schläfe Borden!

O, diese Falten um den Mund, wo leise Kummerzüge

lauern —

So mocht an Babels Strömen einst der grollende Prophete

trauern,

So der Verfehmte sonder Rast,

Wie ihn Salvator

Genüber, feingeschnitzelt, lehnt die Gnadenmutter mit dem

Kinde,

Das sein vergoldet Händchen streckt wie segnend aus der

Mauerspinde,

Und drunter, in Kristall gehegt, von funkelndem Gestein

umbunden,

Ein überköstlich Heiligthum, ein Nagel aus des Heilands

Wunden;

Zu seiner Ehre Nacht für Nacht

Das Lämpchen am Gestelle wacht.

Nie hat, in aller Schuld und Noth, der Täuscher einen Tag

beschlossen.

Daß nicht an dieser Schwelle ihm ein glüher Seufzer wär'

entflossen,

Selbst auf der Fahrt, auf nächt'gem Ritt, dämmert sein

Auge in die Weite,

Von des Polacken Rücken hat er mühsam sich gebeugt zur

Seite,

Und sein beladnes Haupt geneigt

Woher das Kind die Händlein reicht.

Ein scheuer Bettler Tag für Tag so steht er an des Himmels

Pforte,

Er schlägt kein Kreuz, er beugt kein Knie, nicht kennt sein

Odem Gnadenworte,

Schlaftrunknes Murmeln nur und glüh fühlt er's durch die

Phiole ranken,

Die seinem Leibe angetraut wie ragend Krebsgeschwür dem

Kranken,

Und von dem kargen Lebensheerd

Ein Jahresscheit ist weggezehrt.

Auch jetzt, in dieser Stunde, steht er lautlos, mit gestreck-

ten Knieen,

Nur leises Aechzen und voran! — schau, schau, wie seine

Muskeln ziehen!

Voran! — das Heilthum — der Krystall — er lehnt sich an

die Wand, er schwindelt,

Ein angstvoll Zupfen — ein Gestöhn — er hat den Nagel

losgewindelt,

Und stößt ihn dicht am Heil'genschrein

In der Phiole Siegel ein.

Hui! knallt der Pfropfen, hui, fährt das Glas in Millionen

Splitter!

Gewinsel hier, Gewinsel dort und spinnefüßelndes Geflitter;

Es hackt und prickelt nach dem Mann, der unterm Gnaden-

bilde wimmert,

Bis Faser sich an Faser lischt, des Centrums letzter Hauch

verschimmert,

Und an der Gotteslampe steigt

Das Haupt des Täuschers,