1. Blütezeit

By Louise Otto

Written 1856-01-01 - 1856-01-01

Nun blüht das Korn, nun blüht der Wein,

All um ein lieblich Düften,

Man atmet lauter Segen ein

In linden Abendlüften.

Noch blüht das Korn, noch reift es nicht,

Will selbst sich duftend weihen,

Durchglüht vom warmen Sonnenlicht

Den Segen prophezeien.

Wir bitten all um täglich Brot –

Doch doppelt ist's gesegnet,

Wenn uns im Juni-Abendrot

Der Aehren Duft begegnet

Wir trinken ihn mit Wonne ein:

Der blüh'nden Aehren Küssen

Soll unserm Leben heilsam sein –

So will im Volk man wissen.

O Volkesglaube rein und gut!

Nur der ist reich zu nennen,

Dem Blüten geben Hoffnungsmut,

Eh' noch die Frucht zu kennen.

Auch an der Rebe zart und dicht

Hervor die Träubchen sprießen

Und golden sich im Sonnenlicht

Die Blüten schon erschließen.

Sei mir gegrüßt du Aehrenfeld,

Mit deinen leisen Wogen,

Samt deiner blauen Blumenwelt,

Die sich hinein verflogen,

Ein Duft, berauschend süßer Art

Durchzieht die Rebengänge,

Des Sommers nahe Gegenwart

Fügt sich zum Lenzgepränge.

O schöne Zeit! es blüht der Wein

Beim Sang der Nachtigallen,

Und wenn im gold'nen Sonnenschein

Die Lerchenlieder schallen.

Und daher stammt die Liederlust

Wenn später im Pokale

Der Wein erfreut der Menschen Brust,

Belebt mit einem Male.

Und grüßt dann die Erinnerung

An Zeiten, da er blühte,

So schafft sie die Begeisterung,

Die nur für Höchstes glühte.

So mag des rechten Lebens Born

Denn in uns übergehen:

Drum sei gesegnet Wein und Korn,

Wenn wir Dich blühen sehen.