1. Das Lied vom FischerDeutsch

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,

Ein Fischer saß daran;

Sah nach dem Angel ruhevoll,

Kühl bis an's Herz hinan;

Und wie er sitzt und wie er lauscht,

Theilt sich die Fluth empor:

Aus dem bewegten Wasser rauscht

Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm und sprach zu ihm:

Was lockst du meine Brut

Mit Menschenwitz und Menschenlist

Hinauf in Todes Glut?

Ach, wüstest du, wie's Fischlein ist

So wohlig auf dem Grund,

Du kämst herunter wie du bist

Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht

Der Mond sich nicht im Meer?

Kehrt wellenathmend ihr Gesicht

Nicht doppelt schöner her?

Lockt dich der tiefe Himmel nicht

Das feucht verklärte Blau?

Lockt nicht dein eigen Angesicht

Dich her in ewgen Thau?

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,

Netzt ihm den nackten Fuß;

Sein Herz wuchs ihm so sehnensvoll

Wie bey der Liebsten Gruß.

Sie sprach zu ihm – sie sang zu ihm –

Da wars um ihn geschehn –

Halb zog sie ihn, halb sank er hin

Und ward nicht mehr gesehn.