1. Fabel/Uber der Frantzosen und Teutschen PoesieAusspruch:

By Christian Friedrich Hunold

Written 1697-01-01 - 1697-01-01

Budorgis und Pariß bemüthen sich den Preiß

Den edlen Palmen-Zweig einander auszuwinden.

Wo sprach Pariß wo ist ein Land das gleichen Fleiß

Und gleiche Schönheit läßt in den Gedancken finden?

Budorgis gab hierauf: so schön auch euer Geist

So scheinet Phœbus doch mit gleich geneigten Strahlen

Auf unser Vaterland und was ihr selten heist

Kan unser Reichthum wohl an gleichen Wehrte zahlen.

Wie? welcher Schimpf Pariß! ein unbekandtes Land

(So prahlt' es) darf sich wohl zu deiner Sonne wagen?

Wem unsre Adler nicht sprach jenes wohl bekandt

Der kan von ihrem Flug auch nichts gescheutes sagen.

Ihr seyd in euch verliebt und untersuchet nicht

Wie retn wie schön allhier der Musen Qvellen springen.

Wie wieder die Natur bey uns kein Dichter spricht;

Wie eure Sylben oft und Reimen übel klingen.

Damit so zogen sie die Palmen hin und her

Als Lindenstadt hierauf sich in das Mittel setzte.

Hier sahe man sich um: es kam von ohngefehr

Daß Meissen sich zugleich der Palmen würdig schätzte.

Sein Linden-Zweig roch schön so kräfftig als beliebt.

Ich aber kan den Streit hier nicht zu Ende führen.

Denn weil es sprach Pariß bey euch auch Palmen giebt

So sollen sie mich nur des Alters wegen zieren.

Ein junger Adler lernt so wohl als alte fliegen

Drum bilde dir Pariß nichts mit dem Alter ein;

Denn Teutschlands Morgenröth ist schon so hoch gestiegen

Daß weil du untergehst so wird sie Sonne seyn.