1. VoluspaOder die Nordische Sibylle, die, wie alle ihre Schwestern, der Welt An...

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Schweiget alle, heilige Wesen!

Heimdalls Kinder groß und klein! –

Ich will Allvaters Geheimniß reden,

Der Urwelt Sagen hab' ich gehört.

Ich weiß noch Riesen, die Urbewohner,

Und was vor Jahren sie mir erzählt.

Ich weiß neun Welten und neun Himmel,

Und wo da drunten die Erd' auf ruht.

Uranfangs war es, da Ymer lebte,

Noch war nicht Sand, noch Meer, noch Winde,

Noch drunten Erde, noch Himmel droben,

Weites Leer, nirgends ein Gras.

Noch eh Burs Söhne den Boden huben,

Und Midgard bauten zu weitem Saal.

Die Sonne schien auf Saales Steine:

Der Erdgrund grünte mit grünem Laub.

Die Sonn' aus Süden warf zur Rechten

Den Mond jenseit der Pforte der Nacht:

Noch kannte Sonne nicht ihren Saal,

Der Mond noch wuste die Heimath nicht;

Nicht wusten Sterne sich ihre Statt.

Da gingen die Herrscher zu ihren Stühlen,

Die heilgen Götter pflegten Rath,

Sie gaben Namen der Nacht und Dämmerung,

Morgen und Mittag, und schieden das Jahr.

Zusammen kamen auf Ida's Felde

Die Asen und schnitzten Bilder sich,

Und bauten Häuser und machten Schmiede,

Und schmiedeten Zangen und Goldgeräth.

Und spielten frölich mit Steinen im Hofe,

Und stritten keiner noch ums Gold – –

Bis an erst kamen Riesenjungfraun,

Zwo mächtge Weiber aus Riesenland.

Und drei der Asen, mächtig und gut,

Sie kamen heim und fanden am Ufer

Ask und Embia, elend liegen,

Ohn' alle Rege, ohn alle Kraft.

Noch ohne Athem, noch ohne Sprache,

Noch ohne Vernunft und Angesicht;

Athem gab Odin, Häner die Sprache,

Vernunft der Lodur und Angesicht.

Ich weiß, da stehet die Esch' Ygdrasill,

Der weißumwölkte Himmelsbaum;

Von ihm der Thau in Thäler fällt,

Steht immergrünend über Urda's Brunn.

Und aus dem See da unterm Baum

Stiegen der Weisheit Jungfraun auf:

Die Eine Urda, die andre Verdande,

Die dritte Skulda, geschnitzt den Schild.

Sie setzten Gesetze den Menschensöhnen,

Und stellten Schicksal den Sterblichen – –

Weissagerin weiß, das erste Sterben

Der Menschen auf Erden, wohers begann?

Als Gold sie schlugen, als Gold sie brannten

In Odins Hall.

Dreimal verbrannt, erstand dreimal

Die böse Gullveig und lebt noch:

Wohin sie kommt, nennt sie sich Geld.

Sie hat geschändet der Götter Kunst,

Ist Zaubrin worden und zaubert noch.

Eine böse Göttin, die allen dient.

Da giengen die Herrscher zu ihren Stühlen,

Die heilgen Götter pflegten Rath,

Ob sie den Asen es sollten vergelten,

Oder alle hegen Einen Rath.

Aus fiel Odin und schleudert Pfeile,

Da war das erste Menschensterben,

Gebrochen lag der Asen Mauer.

Vaners Heere zertraten das Feld.

Weissagerin kennet Heimdalls Lied

Geheim an Himmels heilgem Blau.

Sie siehet brausend die trüben Ströme

Der Weisheit rinnen vom Auge Odins.

Wisset ihr mehr?

Sie saß da draussen, da der Alte kam,

Der Weise der Götter, sie schaut ihm ins Aug;

Was fragt ihr mich? was versucht ihr mich?

Wohl weiß ich, Odin, wo blieb dein Aug?

Im grossen Brunnen, in Mimers Brunn,

Der täglich früh trinkt Weisheit Trank

Vom Auge Odins; – wisset ihr mehr?

Ihr gab Heersvater Ring und Gold

Und reiche Künst' und Zauberstäbe,

Sie siehet weit und weit die Welt.

Wisset ihr mehr?

Sie sieht Valkyriur fernher kommen,

Geschmückt sie reiten zum Gottesgericht.

Den Schild trägt Skulda, Skogul die andre

Gunnur, Hilldur, Gondul mit dem Speer.

(Ich habe genannt die Odins Nornen,

Gesandt zu wählen die Todte der Schlacht.)

Ich sah was Ballder, dem tapfern Krieger,

Dem Odinssohne für Schicksal harrte!

Sie stand im Felde und wuchs allmählich

Die dünne Mistel zu Ballders Tod'.

Es ward die Mistel, was ich gesehn,

Harm und Unglück: Haudur schoß

Mit dem Pfeile Balldern. In Nacht geboren

Ward Ballders Bruder, den Bruder zu rächen –

Nicht wusch er die Hand, nicht kämmt er das Haar,

Bis er Ballders Mörder zur Flamme getragen:

Da ward der Mutter im goldnen Saale

Herzeleid: Vallhalla's Hüter

Weinte sehr.

Sie sah die List im Hunnenhain,

Sah Lock verborgen, brüten Weh,

Und neben ihm sitzen sein Weib, Sigyna,

Das häßliche Weibsbild; wisset ihr mehr?

Den Strom von Osten in Eiterthälern,

Schlammig und trübe gleitet der Strom:

Gen Nord auf niedersinkenden Bergen

den Goldsaal Sindre; den andern Saal

Im warmen Lande, Brimers Schloß.

Sie sieht den Saal am Todesufer,

Der Sonne fern. Gen Nord die Thore,

Hindurch die Fenster tropfet Gift, –

Von Schlangengebein' ist die Halle gebaut.

Sie sieht, da waten in schweren Strömen

Eidebrecher, Meuchelmörder,

Verführer fremder Ehetreu;

Da nagt der Höllendrache die Todten,

Da frißt an Männern der Höllenwolf:

Wisset ihr mehr?

Gen Osten saß im Eisengefilde

Die alte Riesin und brütet Wölfe,

Der Wölfe ärgsten brütet sie da,

Der den Mond verschlinget mit Riesenwuth,

Gesättigt mit Leben der Sterbenden

Taucht er in Blut der Götter Sitz,

Die Sonn ist schwarz in Sommers Mitte,

Und Stürme streichen, wisset ihr mehr?

Es saß am Hügel und schlug die Harfe

Der Riesin Hirte, der frohe Edger:

Da kräht vor ihm auf Baumes Gipfel

Der Purpurrothe Birkenhahn.

In Asgard krähte der Goldgekämmte,

Der dort die Helden Odins weckt:

Im Abgrund krähte der grauliche,

Unter der Erde in Hela's Saal.

Weissagerin sieht noch, weiß noch viel,

Vom Abend der Götter, von ihrem Fall.

Brüder kämpfen, morden Brüder,

Blutesfreunde, reissen ihr Blutband,

Harte Zeit, Ehe gebrochen,

Eiserne Zeit, Schilde gespalten,

Zeit der Stürme, Zeit der Wölfe,

Wo keiner des andern auf Erden schont.

Die Erde ächzt und Mimers Söhne

Spielen sicher: da nimmt Heimdallar

Sein schallendes Horn, stößt hoch darein –

Odin frägt Mimers Haupt.

Der Weltbaum zittert: der Ries' ist los:

Die Esche schauert, der hohe Baum!

Garm heult gräßlich am Höllenthor:

Die Ketten brechen, der Wolf ist los.

Rym aus Osten kommt mit Heerskraft;

Jormungandur mit Riesenwuth

Wälzt im Meer sich: der Adler kreischt,

Zerfleischt die Leichen: das Schiff ist los.

Ein Schiff von Osten: die Muspelwohner

Schiffen hinan, den Lock am Ruder;

Sie kommen wütend, den Wolf mit sich,

Der Bruder Bisleips ihnen voran.

Was nun die Asen? was nun die Alfen?

Krachend ertönet der Riesen Land,

Die Zwerge seufzen an Höhlen, an Klüften,

Die Klüftengänger fragen: wohin?

Der Mohr aus Süden mit Feuerflammen;

Sein Schwert es blitzet, zum Morde geschärft:

Die Felsen krachen: die Riesenweiber

Irren ängstig: die Menschen sterben,

Der Himmel bricht.

Ach nun kommt Hlinen ein andrer Schmerz!

Aus geht Odin entgegen dem Wolf;

Dem Mohr entgegen ist Bela's Sieger,

Da fällt besieget der Frygga Gemahl.

Aus tritt Odins schöner Sohn

Dem Wolf entgegen, der Riesenbrut!

Stößt tief in Rachen, bis ans Herz, das Schwert

Dem Ungeheuer und rächet den Vater.

Aus tritt Odins mächtiger Sohn

Dem Drachen entgegen, der tapfre Thor,

Kühn hat er erlegt die Midgardsschlange,

Die Menschen alle verlassen die Welt.

Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt:

Es fliehn vom Himmel die schönen Sterne:

Das Feuer wütet durch alle Welt:

Es flammt zum Himmel, der Himmel fällt.

Weissagerin sieht, da steigt von neuem

Aus Meeres Schlunde die Erde grün:

Die Wasser fallen, der Adler fleucht,

Der auf den Bergen itzt Fische fängt.

Die Asen kommen auf Ida zusammen,

Und sprechen von alter zertrümmerter Welt,

Und denken zurück an alte Gespräche,

An Odins Sagen, jetzo erfüllt.

Sie finden im Grase die goldnen Tafeln

Mit Odins Runen, die Er besaß.

Die Acker tragen itzt ungesät,

Vorbei ist das Uebel, Balder ist da.

Haudur und Baldur wohnen zusammen

In Odins Schlössern. Häner dabei:

Der beiden Brüder Geschlechte bewohnen

Der Winde Welt. Wisset ihr mehr?

Weissagerin sieht den goldnen Pallast,

Heller als Sonne, des Himmels Burg;

Da werden die Guten ewig wohnen,

Ewig geniessen unendlich Gut. – –

(Da kommt der schwarze Drache geflogen,

Er kommt aus tiefstem Nidagebürg',

Er trägt auf Schwingen der Hölle Leichen,

Er streicht Feldüber und ist nicht mehr.)