10.Judæ Verzweiffelung
Written 1640-01-01 - 1640-01-01
O Gri i'ge Hertzenrisse!
O herbe Seelenbisse!
O allzuspäte Reu!
Was hilfft sich selbst anklagen!
Was hilfft vor allen sagen:
Von gar zu hart verletzter Treu?
Nun der Verräther sihet
Wie hoch man sich bemühet
Vmb Christi Todes Pein!
Wil Er in Tausend Nöthen
Vertäufft sich selbst ertödten
Selbst Richter Zeug vnd Hencker seyn.
Er bringt den Lohn voll Zagen
Den Priestern hergetragen
Vnd rufft: Ich armer Mann!
Ich hab' ach Missethaten!
Vnschuldig Blut verrathen!
Wer ist der mir verzeihen kan?
Die Hohenpriester sprechen
Wehn kümmert dein Verbrechen
Wehn geht der Vorruck an?
Du hast dein Geld bekommen:
Du hast es angenommen!
Verweiß es dir. Du bist der Mann.
Er wirfft die Müntz auß Schmertzen
Mit hartbeklämmten Hertzen
Selbst in den Tempel hin;
Laufft zu verfluchten Stricken
Vnd muß in Ach ersticken
Das ist sein hochgeschätzt Gewin.
Die Leiche muß zuspringen
Sein Eingeweid' außdringen
Zum Scheusall aller Welt:
Wie wird man denn anlegen!
Wofür wird man außwägen
Diß durch den Mord befleckte Geldt?
Die Priester selbst bekennen
Man müß es Bluttgeld nennen
Das wenn mans recht bedenckt
Gar keinen Platz nicht habe
Wo man zu Gottes Gabe
Ein nicht gezwungen Opffer schenckt.
Doch als sie sich vergleichen:
Lässt man die Summe reichen
Vor eines Töpffers Grund
Die Frembden zu begraben:
Gott wolt' es also haben
Zu retten deß Propheten Mund.
So schrecklich ist vergangen
Der von dem Geitz gefangen
Diß Blutt zu Marckte bracht!
In diese Wehmuth lauffen
Die Christum noch verkauffen
Wenn deß Gewissens Grimm erwacht.