105.Auf den Tod S. Erl. des Oberkammerherrn Senateur und Grafen Boris Petrowitsc...

By Jakob Michael Reinhold Lenz

Written 1787-01-01 - 1787-01-01

Er tritt vom Schauplatz weg. Ihr Schmeichler! hier kein Lied!

Ja Scheremetjeff ist Gesichten gleich verschwunden

Und hat die Kunst die keine Grösse sieht

Als wo Belohnung rauscht – großmüthig überwunden.

Soll Dankbarkeit, gleich jener Nachtigall

Die in verheelten Büschen klaget

Indem der Himmel ob ihr taget –

Auch schweigen über solchen Fall?

Mag der Pedant nach Wappen suchen,

In mürben Chroniken erfragen, welches Blut

Durch diese Adern rann. Den Göttern mag er fluchen!

Ihm gilt ein Marmorklotz in einem Grafenhut

Soviel als die Person, die ach! uns unverweßlich

Dem Herzen nach nur unvergeßlich

Hier überschwemmt von tausend Tränen ruht.

Durch Beispiel stellt' er sich an unsers Adels Spitze

Der ihn im Herzen fühlt, noch von ihm angeweht

Ward der verborgnen Tugend Stütze

Und das Organ der Majestät.

Ihr Könige! was ist der Werth

Von einem falschen Lorbeerkranze?

Von Schild und Trommel, Fahn und Lanze

Womit man euer Grab beehrt?

Ihr unterschriebt, was andre thaten

Und glaubtet dem Betrug, der auf die Unterschrift

Oft Gott Natur und Pflicht verrathen.

Ach ihre Schmeichelei, ihr Lob ist oft ein Gift

Das mehr als ein Jahrhundert trift.

Ein Kranz von Zähren der Gedrückten,

So ihr befreit, glänzt in der Sternenwelt

Und späte Seufzer der Beglückten,

Auch wo kein Beifall lokt, bestättigen den Held

Und machen, was der Mensch und nicht die Rolle war

Der bessern Nachwelt offenbar.

Wie wenig fand ich der Monarchen

Piasten gleich, Dir Numa! gleich,

Die aus der Einsamkeit gezogen, Aristarchen

Gewannen, um sich her ein unabsehbar Reich

Nicht zu bezwingen, zu beglücken;

In keiner Nische sich mit Gottesfurcht zu schmücken

Und an dem Weyhrauch zu erquicken

Der Gott allein gehört. Wo leuchtet das Gesicht

Das menschlich weint, wenn auf den Vieren

Die Einfalt zu kaprioliren

Sich für verbunden hält, um nicht

Nach stumpfer Priester Wahn, den Himmel zu verlieren.

Ihr Cäsare der bessern Zeit!

Das Vorurtheil des Volks verwandeln

Ist nicht so leicht, als um zehntausend Opfer handeln,

Die durch ihr Blut versiegeln daß Bojaren

Vor mehr als ein halb tausend Jahren

In Moskau wie in Rom geritten und gefahren.

Ihr winkt – und eine beßre Welt

Steht, Schöpfer! um euch her statt dieses Schwalls von Thieren

Die immer nur nach euch visiren

Und ihre Leidenschaft in eure Rechnung führen.

Ach ein Apostel wird der Held

Der edel zürnet, wenn im Zelt

Ein Babylonier vor ihm aufs Antlitz fällt.

In seinen Adern fliesset Blut

Von dir verklärter Graf! an seinem Herzensherzen

Erinnert es und pochts, den Ruhm nicht zu verscherzen:

Ein Mensch steht unter Deinem Hut.

Er winkt mit edlem Ueberdrusse

Dem Schwulst genährt von Dichterwuth,

Der Kunst die niemand nützt, dem tauben Löwenmuth

Der Eifferer um nichts – zu jenem trüben Flusse,

Wo die Vergessenheit für Muttersorgen blind

Sich durch verbrannte Pfützen windt.