12. Der Wolf und die Ziege

By Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Written 1761-01-01 - 1761-01-01

Auf eines Felsen steiler Höh',

Die weder Gras noch fetten Klee

Dem Hungrigen zur Speise gab,

Stand eine Ziege.

Komm herab,

Du Kleine, Schmale, Liebliche!

Rief Räuber Wolf zu ihr hinauf;

Was stehst du doch da oben drauf?

Dort triffst du keinen guten Fraß

Für deinen lieben Magen an!

Hier unten wächst so schönes Gras,

Daß man sich artig mästen kann;

Auch stehn an kleinen Wasserfällen,

Viel junge Bäumchen abzuschälen,

Die, glaub' ich, schmeckten dir so süß,

Wie Zuckerrohr! es ist gewiß!

Du Liebliche! –

Herr Wolf, sie sind

Sehr gütig, wahrlich! Geben Sie

Sich aber doch nur keine Müh

Um meinen Magen! denn ich bin

In Wahrheit keine Schmauserin!

Ich halt' es mit gesunden Kräutern,

Und mag mit fettem Gras und Klee

Nicht eben meinen Leib erweitern;

Ich klettre gern! Herr Wolf, Adieu!