[12] Die eilfte SatyreVon einer klugen AufführungQ. Horatii FlacciEpistola XVII....

By Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz

Written 1676-01-01 - 1676-01-01

Wenn du den Morgen-Schlaff nicht willig kanst verlassen,

Und ungedultig wirst, falls sich auf allen Strassen,

Ein groß Getümmel regt; so sitze, wo du bist,

Und dencke, daß man auch zu Blumberg glücklich ist.

Zufriedenheit ist nicht an Geld und Gut gebunden;

Und der hat eben nicht das schlimmste Theil gefunden,

Der in der Einsamkeit den stillen Wandel treibt,

Ob gleich kein Zeit-Buch noch von seinen Thaten schreibt.

Jedennoch, wenn du dir, und auch zugleich den Deinen,

Wilst mehr zu gute thun, so must du da erscheinen,

Wo man der Fürsten Huld, weil doch des Himmels Schluß,

Sie groß, uns klein gemacht, in Demuth suchen muß.

Könt Aristippus Kraut und schlechte Kost vertragen,

So würd er, gleich als ich, nicht viel nach Fürsten fragen,

Rieff dort Diogenes. Doch jener säumte nicht,

Und hatte dergestalt die Antwort eingericht:

Wenn sich Diogenes bey Fürsten dürffte weisen,

So würd er etwas mehr als Zugemüse speisen.

Mich dünckt, er hatte recht. Dann, sprach er, was ich thu,

Schlägt mir zum Vortheil aus: dir sieht der Pöbel zu.

Ich opffre meinen Dienst den Grossen; die hingegen

Mit mehr, als ich bedarff, mich mildiglich verpflegen.

Mein Tisch, mein Hauß und Stall, ist kostbar aufgeschickt,

Und du, der mir vorhin mein Schmeicheln vorgerückt,

Und glaubst, dir fehle nichts, must derer Gnade leben,

Die, aus Barmhertzigkeit, dir schmale Bissen geben.

In allerley Gestalt, in was vor einem Stand,

An was vor einem Ort sich Aristippus fand,

Da war er, ohne Zwang, bereit sich zu beqvemen,

Dem Glücke nachzugehn, und auch vorlieb zu nehmen.

Doch wenn Diogenes, wenn dieses Affenbild,

Das seinen armen Stoltz in Doppel-Tuch verhüllt,

In andre Lebens-Art sich würdig könte schicken,

Würd ich die Aenderung Verwundrungs-voll erblicken.

Ein Mann, wie jener war, bleibt allemahl beliebt,

Er borgt nicht fremden Glantz, der ihm ein Ansehn giebt;

Im Kittel, wie im Sammt, weiß er sich aufzuführen.

Der andre will, aus Angst, im kostbarn Zeug erfrieren,

Und schreyt: Mein alter Rock der wird mir besser stehn?

Gebt ihm den alten Rock, und laßt den Narren gehn.

Ein unerschrockner Held, vor dem die Feinde beben,

Kan sich durch sein Verdienst, den Sternen gleich, erheben:

Und es verdient gewiß nicht schlechten Ruhm ein Mann,

Der hoher Häupter Gunst geschickt erwerben kan.

Zwar sind, wann einer trifft, viel die darneben schiessen.

Der sitzet still, wer gern der Ruhe will geniessen,

Aus Furcht, was höhers möcht ihm nicht von statten gehn.

Gar wohl: Jedoch ist der, so sich läßt hertzhafft sehn,

Den keine Last erschreckt, und keine Furcht kan stöhren,

Biß er das Ziel erlangt, auch höher zu verehren;

Wann anders Tugend nicht auf blossem Wahn beruht,

Und edlen Preiß verdient ein unverzagter Muth.

Nun höre noch ein Wort, mag dich dein König leiden,

So hast du einerley hauptsächlich zu vermeiden.

Sey nicht so ungestüm bey deiner Dürfftigkeit.

Wohl dem, der schweigen kan; erwarte deiner Zeit.

Ein anders ist sein Glück bescheidentlich zu bauen,

Ein anders aber ist, mit weitgespannten Klauen

Als auf den Raub zu gehn. Nimm diesen Spruch in acht!

Wie mancher meynet wohl, er hab es gut bedacht,

Wenn er, als ungefähr, läßt solche Klagen fliegen:

Mein Gut trägt wenig ein, kein Käuffer ist zu kriegen;

Die Mutter hat kein Brodt, die Schwester keinen Mann,

Weil ich nicht Unterhalt noch Brautschatz geben kan.

Mein Freund, man kennt die Kunst; du suchst was zu erschleichen.

Doch wisse, neben dir stehn andre deines gleichen,

Die warten hurtig auf, und sind so voller List,

Daß, wenn was fallen soll, man ihrer nicht vergist.

Wenn nur die Raben nicht bey ihrem Aase schrien,

Sie würden minder Zanck und Gäste nach sich ziehen.

Geschichts, daß sich dein Herr mit einer Fahrt ergötzt,

Und dich, zum Zeitvertreib, an seine Seite setzt;

So sey wohl aufgeräumt, und scheine nicht verlegen

In Schlossen und im Wind, und in den schlimmsten Wegen;

Schilt nicht, als hätte dir ein Dieb mit frecher Hand

Den Kasten aufgemacht, das Reise-Geld entwandt;

Dieß ist der alte Streich verschmitzter Buhlerinnen,

Die weinen offt um nichts, um etwas zu gewinnen:

Hier ist bald ein Rubin, ein Armband dort geraubt,

Wo aber lauffts hinaus? daß ihnen keiner glaubt,

Wenn, sonder allen Schertz, die wahren Thränen fliessen.

Du kennest jenen Schalck, der mit gesunden Füssen

Zuweilen niederfiel, als wär er krumm und lahm,

Und jeden spöttlich hielt, der ihn zu retten kam;

Was aber war sein Lohn? Er brach eins seine Knochen,

Und kam in rechtem Ernst, als Krüppel, hergekrochen.

Doch rieff, wie sehr er weint, ein jeder Nachbar aus:

Mach diß den Fremden weiß, wir sind allhier zu Hauß.

Si te grata quies, & primam somnus in horam

Delectat: si te pulvis strepitusque rotarum,

Si lædit caupona: Ferentinum ire jubebo.

Nam neque divitibus contingunt gaudia solis:

Nec vixit male, qui natus moriensque fefellit.

Si prodesse tuis, pauloque benignius ipsum

Te tractare voles; accedes siccus ad unctum.

Si pranderet olus patienter; regibus uti

Nollet Aristippus. Si sciret regibus uti,

Fastidiret olus, qui me notat.

Utrius horum

Verba probes, & facta, doce: vel junior audi

Cur sit Aristippi potior sententia. Namque

Mordacem Cynicum sic eludebat (ut ajunt):

Scurror ego ipse mihi; populo tu. Rectius hoc, &

Splendidius multo est. Equus ut me portet, alat Rex,

Officium facio. Tu poscis vilia: verum es

Dante minor: quamvis fers te nullius egentem.

Omnis Aristippum decuit color, & status, & res;

Tentantem majora, fere præsentibus æquum.

Contra, quem duplici panno patientia velat,

Mirabor, vitæ via si conversa decebit.

Alter purpureum non expectabit amictum,

Quidlibet indutus celeberrima per loca vadet,

Personamque feret non inconcinnus utramque.

Alter Mileti textam cane pejus & angue

Vitabit chlamydem: morietur frigore, si non

Rettuleris pannum. Refer, & sine vivat ineptus.

Res gerere, & captos ostendere civibus hostes,

Attingit solium Jovis, & cælestia tentat.

Principibus placuisse viris, non ultima laus est.

Non cuivis homini contingit adire Corinthum.

Sedit, qui timuit ne non succederet. Esto!

Quid? qui pervenit, fecitne viriliter? Atqui

Hic est, aut nusquam, quod quærimus. Hic onus horret,

Ut parvis animis, & parvo corpore majus:

Hic subit, & perfert. Aut virtus nomen inane est,

Aut decus, & pretium recte petit experiens vir.

Coram Rege suo de paupertate tacentes,

Plus poscente ferent. Distat, sumasne pudenter,

An rapias. Atqui rerum caput hoc erat, hic fons.

Indotata mihi soror est, paupercula mater,

Et fundus nec vendibilis, nec pascere firmus,

Qui dicit: clamat, victum date. Succinit alter,

Et mihi dividuo findetur munere quadra.

Sed tacitus pasci si posset corvus, haberet

Plus dapis, & rixæ multo minus, invidiæque.

Brundusium comes, aut Surrentum ductus amænum,

Qui queritur salebras, & acerbum frigus, & imbres,

Aut cistam effractam & subducta viatica plorat:

Nota refert meretricis acumina, sæpe catellam

Sæpe periscelidem raptam sibi flentis: uti mox

Nulla fides damnis, verisque doloribus adsit.

Nec semel irrisus triviis attollere curat

Fracto crure planum: licet illi plurima manet

Lacryma; per sanctum juratus dicat Osirin:

Credite, non ludo, crudeles: tollite claudum!

Quære peregrinum, vicinia rauca reclamat.