12.Barrabas wird vor Jesu frey gelassen

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

O Blindes Volck; verkehrte Welt!

Der nur was schädlich wol gefällt!

Sie lässt das Leben! wählt den Tod!

Erlöst den Mörder! Creutzig't Gott!

Pilatus zwar spricht mit bedacht:

Ihr habt den Menschen zu mir bracht

Als einen der das Volck abwandt

Sein Vnschuld aber ist erkandt.

Ich ja Herodes! findet nicht

Worüber Recht ein Vrtheil spricht:

Wird Er gezüchtig't gleich zum schein

So muß Er endlich frey doch seyn.

Noch mehr! Das Osterfest bricht an:

An welchem man erretten kan

Nach altem Brauch ein schuldig Haupt

Dem sonst kein Richter Gnad' erlaubt.

Ihr selbst begehrt's vor dieses mal

Stell ich die Sach' in eure Wahl.

Wolt ihr Barrabam machen loß

Der nechst im Auffruhr Blut vergoß?

Wo nicht? so schlag ich Jesum vor

Auff welchen sich der Neyd verschwor

Vmb daß Ihn der gemeine Tand

Auß Wahn der Juden König nannt.

Weil er die Meynung noch vorbracht

Entbot seyn Eh'weib ihm; Gib acht:

Vnd habe (wo wir wollen ruhn)

Mit dem Gerechten nichts zu thun!

Ich habe nechst erblaste Nacht

Voll zittern schichternd durchgebracht

Weil seiner wegen Ich erschreckt.

Auß vngeheurem Traum erweckt.

Vmbsonst! Weil ihm das Volck zusetzt;

Durch die geweyhte Schaar verhetzt:

Drumb als er fragt schreyt klein vnd groß:

Nicht Jesum gibt Barrabam loß.

Wie wird es denn vmb Jesum stehn?

Spricht er. Sie ruffen: Heis ihn gehn

Zum Tod vnd Creutz. Wie? fing er an;

Sagt denn warumb Er sterben kan.

Sein Vnschuld bricht ja klar ans Licht

Vnd stralt vor Kläger vnd Gericht!

Sie aber schreyn: Nur Creutz vnd Pein

Nur Creutz vnd Tod sol vor Ihn seyn.

Verblendet Volck! verkehrte Wahl!

Verlachte Freud! gewüntschte Qval!

Es hengt vns noch von Adam an

Daß man so übel kiesen kan.