12. Jupiters Adler und Venus

By Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Written 1761-01-01 - 1761-01-01

Der Vater Jupiter gab deiner schönsten Taube

Für seine Tochter einen Kuß;

Ich aber raubt' in ihr, und mit dem süßen Raube

Komm ich, in einem Flug, und bring' ihn, weil ich muß.

So hättest du ja wohl ihn gern für dich behalten?

Und wer behielt nicht gern solch einen Kuß für sich?

Nimm ihn! – – Und nu? du ziehst ja deine Stirn in Falten,

Die Stirn des Donnerers ist nicht so fürchterlich!

Verwegner! hast geraubt! hast meine gute Taube

Mit deiner Mien' erschreckt! Weg! weg vor meinem Blick!

Und fort zu Jupiter, mit deinem süßen Raube,

Fort! fort! bring ihn zurück!

Zurück ihn bringen? Ach! o liebliche Cythere!

Die Strafe Jupiters, Verwegner, treffe dich!

Wie aber, wenn's ein Kuß vom Mars gewesen wäre? –

Du Göttin! nicht so stolz, und nicht so fürchterlich!