12. Kunigunde

By Gottfried Keller

Written 1854-01-01 - 1854-01-01

Das Köhlerweib ist trunken

Und singt im Wald;

Hört ihr, wie ihre Stimme

Im Grünen hallt?

Ruht auf der roten Nase

Der Abendstrahl:

Glüht sie, wie wilde Rosen

Im dunklen Tal.

Sie war die feinste Blume,

Berühmt im Land;

Es warben Reich' und Arme

Um ihre Hand.

Sie trat in Gürtelketten

So stolz einher;

Den Bräutigam zu wählen

Fiel ihr zu schwer!

Da hat sie überlistet

Der rote Wein –

Wie müssen alle Dinge

Vergänglich sein!

Das Köhlerweib ist trunken

Und singt im Wald;

Wie durch die Dämmrung gellend

Ihr Lied erschallt!