15.Christi Gang zum Tode

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Der den Bau der Himmel träget

Vnd der Erden Grund erhält:

Wird mit einer Last beleget

Da Er vnter sinckt vnd fällt.

Der verfluchte Baum der Pein

Muß deß Herren Bürde seyn

Eh Er vor die Schuld der Erden

Kan am Baum geopffert werden.

Zwey die Mord vnd Blut-vergiessen

Aller Welt zum Greuel macht

Werden mit Ihm hingerissen

Den man gleich den Mördern acht?

Der die Missethat außsönt.

Dehn die Vnschuld selber krönt

Muß verflucht am Holtz sein Leben

Mit verfluchten vor vns geben.

Als Ihm Geist vnd Kräfft entgingen

Als Er beb't vnd niederfiel;

Muß man den Cyrener zwingen

(Weil Er sichs enteusern wil)

Daß Er Arm vnd Hand anlegt

Vnd das schwere Creutze trägt.

Man siht vmb Ihn Tausend Hauffen

Nach dem Schedelberg zu lauffen.

Sehr viel Frauen hört man klagen

Die beweint den grausen Tod.

Die die Jammerreichen Plagen

Die der langen Schmertzen Noth.

Die der treuen Freundschafft Band

Biß Er sich zu ihnen wandt

Da begund ihr Hertz zu brechen

Als sie Ihn diß hörten sprechen:

Kinder Sions! liebe Frauen!

Töchter Salems weint doch nicht!

Daß Ich ietzt den Tod muß schauen

Daß man mir diß Vrtheil spricht.

Weint! ach weint! wo ihr versteht

Was Euch vnd eur Blutt angeht!

Schlagt die Brüste! wind't die Hände

Vber euer Frucht Elende!

Weil die grimme Zeit erscheinet

Darinn ieder selig schätzt:

(Weint! ach weint! Ihr Mütter weinet)

Die nicht eine Frucht ergetzt.

Man wird ruffen hier vnd dar

Selig ist die nie gebahr!

Der kein Kind ie ward gewehret;

Die nichts an der Brust ernehret.

Berge (wird man alsdann sagen)

Schüttert Euch auff vns entzwey!

Hügel deckt vns vor den Plagen!

Macht vns vor dem Jammer frey!

Denn wenn diß der Baum empfand

Den man immer grüne fandt:

Denckt was man dem werd erzeigen

Der verdort in Sta i vnd Zweigen!