16.Deß Herren Jesu Creutzigung

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Ko it her ihr Seelen die die Noth

Die Angst Gesetz vnd Hell vnd Tod

Vnd Gottes Grimm beschweret!

Hier wird der Erden Lösegeld

Das Opffer vor die Schuld der Welt

Auffs Creutz-Altar gewehret.

Der grause Schauplatz herber Pein

Wird künfftig mehr denn fruchtbar seyn

Nun Ihn das Blutt gedinget:

Das Blutt das Trost vnd Seligkeit

Vnd Leben Gnad vnd Lust in Leid

Vnd Freud vnd Friede bringet.

Hier reicht man bittre Gallen dar

Vnd Wein der scharff von Myrrhen war

Den Heyland mehr zu plagen

Der sich den süssen Weinstock nennt;

Doch als Er diesen Tranck erkennt

Hat Er Ihn abgeschlagen.

Der alle kleidet wird entdeckt

Vnd auff das Holtz deß Fluchs gestreckt

Entgliedert vnd gedehnet:

Man nagelt an die milden Händ

Die ieder Hülffreich hat erkennt

Der sich nach Heyl gesehnet.

Der Fuß der auff der Sünder Pfad

Vnd Irrweg nie gewandelt hat

Wird nun mit Stahl durchgraben.

Der Mittler zwischen vns vnd Gott

Wird zwischen Erd vnd Wolck' in spot

Vnd Hohn vnd Pein erhaben.

Der gantze Leib ist eine Wund

Vom Haupt zu Fuß ist nichts gesund

Die Kräffte sind entwichen

Das Blutt springt auß den Adern für

Der kalte Todtschweiß find sich hier

Die Lefftzen sind erblichen.

Man hängt auff die vnd jene Seit

Zwey Mörder die all ihre Zeit

Mit Raub vnd Blutt verzehret;

So wird der kein Gesetz verletzt

Den Vbelthätern gleich geschätzt

So wird das Recht verkehret.

Die Kleider sind der Hencker Beut

Doch wollen die verruchten Leut

Nicht seinen Rock zu trennen.

Den doch in dieser letzten Zeit

Zureissen blind von Grimm vnd Neid

Die die sich Christen nennen.

Der Jude Grich vnd Römer geht

Vnd list was in dem Tittel steht

Der auff das Creutz geschlagen:

Das diß der Nazarener sey

Vnd Juden König hört man frey

In dreyen Sprachen sagen.

Der Titul muß wie hoch vnd viel

Der Priesterschaar es eyfern wil

Gantz vnverändert bleiben.

Es ist geschrieben was Ich schrieb

Spricht Pontius euch sey gleich lieb

Ja oder Leid mein Schreiben:

Er wird von dem der bey Ihm wacht

In seiner herben Pein verlacht

Vnd trägt der Mörder schelten.

Der Priester grimme Haupter schmehn

Der Juden Hochmuth lässt sich sehn

Hier muß ihr Lästern gelten.

Auch speit ein toller Wandersman

Deß Herren grimme Schmertzen an

Man hört von allen Enden:

Du Tempelbrecher kom herab

Vnd rette dich von Creutz vnd Grab

Du hast dein Heyl in Händen.

Wie daß man dehn so hangen schau't

Der Tempel in drey Tagen bau't!

Kind Gottes komm hernieder!

Wie kömt's daß der der Jederman

Geholffen sich nicht retten kan?

Bist du dir selbst zu wider!

Bist du der Israel regiert?

Wie daß man dich ohn Kräffte spürt

Entgeh den Creutzes Schmertzen!

Wo du diß kanst so glauben dir

Daß du Meßias dort vnd hier

Die überzeugten Hertzen.

Diß trägt der Heilge mit Gedult?

Der Herr für seiner Feinde Schuld

Der König für die Knechte

Der Reine für die so verflucht:

Der Hirt für Schaffe die Er sucht

Für Sünder der Gerechte.