17. Glück und UnglückSpanisch

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

O wie traurig singt Alcino,

Amphion der Guadiana,

Singt das kurze Glück des Lebens,

Singt des Lebens langes Unglück.

Mächtig schläget er die Saiten

Der beseelten goldnen Citter,

Daß die Berge mit ihm klagen

Und die Wellen mit ihm weinen:

„Kurzes Leben! lange Hoffnung!

Nichtig Glück und daurend Unglück!“

„Glück ist, sang er, jene Blume

Die die Morgenröthe weckte:

Ach, sie sinkt im Stral der Sonne

Und verwelkt am frühen Abend.“

Und die Berge klagen wieder

Und die Wellen mit ihm weinen:

„Ach, sie sinkt im Stral der Sonne

Und verwelkt am frühen Abend.“

„Unglück ist die mächtge Eiche,

Die mit ihrem Berge währet,

Zeit auf Zeiten kämmt das Schicksal

Ihr die starren grünen Haare.“

Und die Berge klagen wieder,

Und die Wellen mit ihm weinen:

„Zeit auf Zeiten kämmt das Schicksal

Ihr die starren grünen Haare.“

„Wie der Hirsch, den Pfeil im Herzen,

So entfliehet unser Leben;

Eine Schnecke kriecht die Hoffnung

Langsam hinter seinem Fluge.

Kurzes Leben! lange Hoffnung!

Nichtig Glück und daurend Unglück!“

Und die Berge klagen wieder

Und die Wellen mit ihm weinen:

„Kurzes Leben! lange Hoffnung!

Nichtig Glück und daurend Unglück!“