18.Die Wunder bey dem Tode Christi

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Reiß Erder: Himmel brich: ihr Friedens-Engel klaget

Der Fürst der Welt vergeht! saust Lüffte Menschen zaget!

Der alles trägt verfällt die Ehre wird veracht!

Der alle deckt ist nackt der Tröster ist verschmacht.

Der Höchste steht am Holtz genagelt an die Aeste.

Die Hände sind durchbohrt durch die die Wolcken feste

In ihren Standt gesetzt der Leib ist eine Wund.

Von Fuß auff Scheitel ab ist nichts an Ihm gesund.

Das Licht der Welt erblasst gleich als der Tag sich theilet

Die Sonne wird mit Nacht im Mittag übereilet

Vnd lescht die Flammen auß das grosse Land erschrickt

In dem es kaum sich selbst in Finsternüß erblickt.

Doch geht dem Mörder auff ein neues Licht im Hertzen

Der Gottes Kind geschmäht rufft itzt in heissen Schmertzen

Den grossen König an vnd wil (trotz Creutz vnd Pein!)

Nicht Mörder! sondern mehr ein Lebens Lehrer seyn.

Der Mittler eylt zum End' Er wil den Todt vmbfangen

Vnd rufft Ihm überlaut ob gleich die Krafft entgangen

Ob sein zufleischter Leib hier gantz verbluttet steht

Hat Er die süsse Stimm doch sterbend auch erhöht.

Der Vorhang der das stifft des innern Tempels decket

Reist oben ab entzwey: was vor vns ward verstecket;

Steht offen! last vns gehn! diß Wunder zeigt vns frey

Das nichts mehr heiligs im entweyten Tempel sey.

Der Erden Grund erkracht die trotze Felsen springen

Die Klippen spalten auff die schnellen Ritze dringen

Schir biß in Mittelpunct die Länder fallen ein

Vnd wollen Zeugen nur deß grossen Mordes seyn.

Der Tod verleurt sein Recht. Der Grüffte Marmor zittern

Die Gräber brechen auff der Heilgen Leiber schüttern

Vnd schaun mit ihrem Geist vermählt das Opffer an

Das Gottes heissen Grimm der Rach' außleschen kan.

Volck Hauptmann vnd Soldat bewegt durch solche Zeichen

Bedenckt die grimme That die Hertzen selbst erweichen

Ach warlich! rufft man ietzt der war ein frommer Mann

Vnd Gottes Sohn an dem das Recht nichts tadeln kan.

Man bricht weil schon der Tag sich gegen Abend neiget

Der Mörder Bein entzwey ein neues Wunder zeiget

Den Grund der Prophezey! Ihm den der Tod entsetzt

Wird von der grimmen Faust nicht einig Bein verletzt.

Doch durch die blasse Seit wird Ihm ein Speer gedrungen

Auß welcher bald für vns ein Gnaden-Brunn entsprungen

Ein Blutt vnd Wasserstromm der vnser Sünd abwäscht

Vnd die entbranndte Glut der schwartzen Hell' außlescht.

Vnd zweifelt noch ein Mensch daß der Versprochne kommen!

Daß Er der Menschen Schuld auff seinen Halß genommen!

Wenn Himmel Lufft vnd Sonn vnd Erd vnd Grab bewehrt

Das durch Ihn Grab vnd Tod vnd Helle sey verhert.