1Der DichterFußnoten

By Adelbert von Chamisso

Written 1829-01-01 - 1829-01-01

„Auf! wach auf! entsetzlich müssen

Fieberträume dich erschrecken,

Krampfhaft stöhnst du, – laß mit Küssen

Dich dein treues Weib erwecken.“ –

Dank dir, Weib; verscheuchst die bangen

Träume, hegst mich traut umfangen,

Und noch starrt mein Haar empor;

Noch, wohin die Blicke schweifen,

Seh ich blut'ge Leichen schleifen,

Schwebt der Greuel Bild mir vor.

Dieses Buch – es ist vergebens!

Laß an deiner Brust mich weinen,

Nimmer wird die Lust des Lebens

Wieder lächelnd mir erscheinen.

Chios, blühnder Friedensgarten,

Weh! du unterliegst dem harten,

Dem entmenschten Blutgericht;

Deine neunzig tausend Bürger

Sind erwürgt, es zürnt der Würger,

Daß an Opfern es gebricht.

Allah! ruft der Moslim, hauet

Greise nieder, Kinder, Frauen;

Christus! ruft der Raja, schauet

Himmelwärts mit Hochvertrauen;

Er begehrt die heil'ge Palme; –

Menschen mähet der, wie Halme,

Jauchzet auf, ob Allahs Sieg. –

Das ist zu des Himmels Rache,

Das ist für die heil'ge Sache

Völker- und Vernichtungskrieg!

Die dem Wüterich zu Willen

Christensklaven hier verladen,

Schnöden Goldesdurst zu stillen

Sich in Blut und Tränen baden,

Die nach Stambul blut'ge Glieder

Liefern der erschlagnen Brüder –

Weh mir! – sind – o Schand und Spott!

Wagt mein Mund es auszusprechen? –

Franken sind es, und die Frechen

Nennen Christum ihren Gott.

Und die Pairs von Frankreich haben

Eines hohen Rats gepflogen,

Solcher Schandtat, solchen Knaben

Recht und Strafe zugewogen.

Du – Villele, sollst mir sagen,

Der den Rat zu unterschlagen

Du dich nicht entblödet hast:

Kennst du noch des Schlafes Mächte?

Nicht die Träume meiner Nächte

Tauscht ich gegen deine Rast!