2. Argula von Grumbach

By Louise Otto

Written 1856-01-01 - 1856-01-01

Argula hat des Lebens Glück genossen –

Die Liebe führte sie zum Traualtar,

Froh ward das heilig feste Band geschlossen,

Das „Ja“ entquoll der Lippe frei und wahr,

Und treu vereint dem liebenden Gefährten

Ward ihr des Weibes schönstes Los auf Erden!

Doch lange nicht – in edler Liebe Feier,

Nur wenig Jahre waren hingerauscht,

Da hat ihr junges Haupt den Wittwenschleier

Nur zu schnell für den Brautkranz eingetauscht!

Die blühnden Kinder wiegt als vaterlose

Die Trauernde auf ihrem Mutterschoße.

Im tiefen Schmerze möchte sie vergehen,

Sich flüchten aus dem öden Weltgewühl,

Durch Thränenflöre nur zum Himmel sehen

Zum Gatten auf im sehnenden Gefühl –

Doch ihre Kinder mahnen sie ans Leben,

Sie muß als Mutter, Vater für sie streben.

So sei das heil'ge Erbe angetreten!

Sie weiht sich ganz des Lebens ernster Pflicht,

Recht Handeln gilt ihr mehr als weinend Beten,

Und mehr als Dulden, Streben nach dem Licht;

Die Mutterpflicht gibt ihr den Mut, die Stärke,

Ihr Teil zu fordern an dem Fortschrittswerke.

Dem Fortschrittswerke, das der Mönch begonnen,

Der kühne Luther, durch den Kampf mit Rom.

Auch ihr war ja die Bibel längst der Bronnen,

Aus dem sie schöpfte der Begeistrung Strom,

Die Kraft auf seine Seite sich zu stellen,

Mit solchem Licht die Menschheit zu erhellen.

Um ihrer Kinder, um der Menschheit willen

Tritt Argula aus ihrem Fraungemach

Hinaus ins Leben, so den Drang zu stillen

Der auch in ihr von Licht und Freiheit sprach;

Vor Luther selbst weiht sie sich seiner Sache

Und hält für ihn, für Glaubensfreiheit Wache.

Sie sucht die Welt, nicht nur ein Stück vom Himm

Ihr Horizont ist unbegrenzt und weit.

Sie dient dem Ew'gen in der Welt Getümmel,

Sie dient mit freiem Geiste ihrer Zeit.

Sie fürchtet nicht, daß was im Innern blühe

In Sonn' und Sturm und frischer Luft verglühe.

Sie sucht nicht im Gebet in Klostermauern

Des Gottes gnadenreiche Gegenwart;

Ihr hat er sich in gleichen Ahnungsschauern

Im Tempel der Natur geoffenbart;

So dient sie ihm bis auf des Todes Winken

Die treuen Hände segnend niedersinken.