2. Clorinda ersiht unverhofft ihren himmlischen Daphnis, empfangt grossen Trost ...
Written 1667-01-01 - 1667-01-01
Die Nacht der Traurigkeit
Sammt den Verzweifflungs-Schatten
Die mich besessen hatten
Verschwinden allbereit
Und geht die Heils-Auror'
Erwünscht zu tausend malen
Mit vollen Hoffnungs-Strahlen
Die gantz verwelckt zuvor
Trostreich in mir empor.
Dann als ich gestern matt
Am Schatten der Cypressen
Gantz Hoffnungs-loß gesessen
Und mir gewäinet satt
So daß ich Thränen-lähr
Nun nicht mehr könnte wäinen
Da laufft ich in den Heinen
Weh-klagend hin und her
Als wann ich närrisch wär'.
Die Seufftzer schossen mir
So ungestümm von Hertzen
Daß ich vor Angstes-Schmertzen
Lufft-loß gestorben schier
Und wäre mir nicht gleich
Die Müder-Brust zerspalten
Wodurch ich Lufft erhalten
So wär' ich im Gesträuch
Dort worden eine Leich.
Ich schaute hin und her
Nach jedem Ort der Winden
Ob nicht ein Mensch zu finden
Der mir verhülfflich wär
Ach aber auch so gar
Auff Feldern Berg- und Auen
So weit ich könnte schauen
In meiner Tods-Gefahr
Kein Mensch zu spühren war'.
Ich stellte mich alldort
Und fienge an zu schreyen
Daß in den Wüsteneyen
Erschallten meine Wort
Und weilen ich sie schlimm
Mit seufftzen underbrochen
Als hat der Wald entsprochen
Wie ich geruffen ihm
Auch nur mit halber Stimm.
Ich bildete mir ein
Es müßte die verliebte
Um den Narciß betrübte
Thal-Göttin Echo seyn:
Als welche in dem Thal
Und duncklen Satyr-Hainen
Pflegt kläglich zu bewäinen
In ewiger Trangsal
Ihr strenge Liebes-Qual.
Und weil ich mich befand'
In gleichem Läid begriffen
Mit gleichen Unglücks-Schiffen
Gestrandet auff dem Sand
So hab' ich auch mit Ihr
Den Jammer meiner Plagen
Gefangen an zu klagen
So daß die wilde Thier
Mit mir gewäinet schier.
Ich stuhnde was erhöcht'
Von Bäumen abgesündert
Auff daß ich ungehindert
Dem Thal zuschreyen möcht'?
Sprechend: Ich frage dich
O Echo, kan auff Erden
Ein Mensch an Läids-Beschwerden
Auch übertreffen mich?
Echo antwortet: Ich.
Ach nein! das kan nicht seyn
Sagt' ich dann niemand leidet
So lang mich Daphnis meidet
Wie ich so grosse Pein!
Sag' mir ist es' nicht schwär
In Gottes Zorn zu leben
Wer kan vom Geist-auffgeben
Mich retten dann? Ach wer!
Echo antwortet: Er.
Ach Echo, deine Wort
Sehr pflegen zu betriegen
Indem sie halb nur fliegen
Aus deiner Kählen fort
Du wilst darmit allein
Mich also unerschrocken
Zu dem Verderben locken
Tieff in den Wald hinein
Echo antwortet: Nein.
Wohlan dann wann ich dir
Sagt' ich recht darff vertrauen
Auff deine Wörter bauen
So sag' ô Echo, mir
Werd' ich dann (ungescheucht
So vieler meiner Sünden)
Verzeihung können finden
Bey Daphnis noch vielleicht?
Echo antwortet: Leicht.
Vor Freuden muß mein Hertz
Sagt' ich noch heut zerbrechen
Wann dieses dein Versprechen
Herrührt aus keinem Schertz:
Soll Daphnis auff das neu
Sich lassen wohl versöhnen
Ach was kan doch beschönen
Mein Eyd-gebrochne Treu?
Echo antwortet: Reu.
Die Reu in mir ist groß
Sagt' ich schneidt wie ein Messer
Ist gleich groß dem Gewässer
In tieffer Thetys-Schoß:
Sie quälet mich so hart
Daß ich gantz muß zerfliessen?
Wann werd' ich dann geniessen
Des Daphnis Gegenwart?
Echo antwortet: Wart'.
Ach ja von Hertzen gern
Win ich anhier verbleiben
Mich soll da nicht vertreiben
Der spahte Abend-Stern:
So soll sich dann allda
Mein Daphnis lassen sehen?
Ach wird es bald geschehen
O liebste Sylvia?
Echo antwortet: Ja.
O grünes Trost-Gestäud
O lang erwünschte Zeitung
Du meines Läids Ausreitung
Und Pflantzung meiner Freud!
O ein erwünschte Sach!
Sag' Echo, hab' ich aber
Den himmlischen Liebhaber
Zu lieben nicht Ursach?
Echo antwortet: Ach.
Die Stimm mir kame vor
Als wäre sie sehr nahe
Darumb ich mich umbsahe
Eh sie sich gar verlohr'
Und sehe: nächst bey mir
Ein Schäffer sich befande
Mit scheinendem Vorwande
Als sucht' Er etwann hier
Ein irrends Wullen-Thier.
Ich fragte stracks was Er
Auff diesem Abweg machte
Ob Er der Herden wachte
Und was sein werben wär'?
Er sagte mir Er hätt'
Mein Traur-Geschrey vernommen
Darumb wär' Er gekommen
Zu meiner Hülff und Rett'
Auff diese Jammer-Stätt.
Er wär' gegangen auß
Ein Schäfflein auffzusuchen
Im Forst der grünen Buchen
Und braunem Tannen-Hauß:
Sein Schäfflein sey Clorind'
Die Er nunmehr gefunden:
Darauff ist Er verschwunden
Und mehr als Plitz-geschwind
Verstiegen in den Wind.
Als ich das sahe bin
(Weil Daphnis es gewesen)
Ich wie geschnittner Fesen
Krafftloß gesuncken hin:
Als aber bald hernach
In mir die Lebens-Geister
Der Ohnmacht worden meister
Da fühlt' ich gleichwohl schwach
Erquickung allgemach.
Es scheinte mir der Psön
Leiß in ein Ohr zu sagen
Clorind' hör' auff zu klagen
Daphnis ist nicht mehr hön:
Worauff ich wohl getröst
Von hinnen mich begeben
Gefangen an zu leben
Der grossen Forcht entblößt
Von allem Läid erlößt.