2. Clorinda/ nunmehr in dem Stand der Liebe Gottes/erzehlet unter einem verblümt...

By Laurentius von Schnüffis

Written 1667-01-01 - 1667-01-01

Ist niemand allhier

Verlassenen mir

Hilffreiche Hand zu reichen?

Ach lasset euch doch

Ihr Wanders-Leut noch

Durch mein Geschrey erweichen!

Seht: wie ich so blöd

Ohnmächtig und öd

Mich selbst nicht mehr mag tragen:

Ich watte daher

So langsam und schwär

Wie des Bootes Wagen.

Vergessen der Zeit

Von Hause so weit

Muß ich mich hier benachten:

Darff heute nicht mehr

Verspahtet so sehr

Nach meiner Herberg trachten;

Zu diesem hab ich

Zu förchten auch mich

Vor streiffenden Gewilden

So daß ich mir muß

Gantz übel zu Fuß

Ein strenge Nacht einbilden.

Besonders weil auch

Ich wider den Brauch

Darzu noch bin gantz truncken

Zur Erden offt hin

Wie leicht ich auch bin

Vor Blödigkeit gesuncken:

Des süssen Weins voll

Bin worden so toll

So sinnloß und verwirret

Daß ohne Hilff ich

Muß lägern da mich

Nachdem ich weit verirret.

Ich gienge heut früh'

Voll sorglicher Müh'

In Wald hinaus spatzieren

An heimlichen Ort

Vertraulich alldort

Die Seuffzer auszuführen;

Bin kommen in Streit

Mit Echo so weit

Daß ich mich gantz verlohren

Indem ich bethört

Ihr Klagen gehört

Mit unverwendten Ohren.

Und als sich der Tag

Auff sinckender Wag

Nun allbereit befunden

Da wurde ich satt

Des Klagens gantz matt

Verletzt mit neuen Wunden;

Wolt' also mich aus

Der Dryaden Hauß

Zu mir selbst kommend würcken;

Hab' aber mich sehr

Je länger je mehr

Vertieffet in die Bürcken.

Ich sahe mich umb

Vor Unmuht sehr thumb

Gleich den entwegten Botten;

Und kame gar bald

Noch mitten im Wald

Zu einer Wasser-Grotten;

Zu welcher ich schnell

Von silberner Quell

Gereitzet hingegangen

Mein durstiges Hertz

So glüend wie Aertz

Zu kühlen nach Verlangen.

Und als ich nun mir

Mit Adams Geschirr

Zu trincken wolte schöpffen

Da zoge zum Glück

Mich sachte zurück

Ein Hirt bey meinen Zöpffen

Und sagte; Ach nein:

Clorinda halt' ein

Diß ist ein schädlichs Wasser

So eben jetzt hat

Mit seinem Unraht

Vergifft der Menschen-Hasser.

Bey solchem Zustand

Mich hefftig befand'

Entrüstet und bestürtzet;

In meinem Entschluß

Wie Procrys im Schuß

Des Cephalus, verkürtzet;

Ich ware gar nach

Als dieses ich sah'

In grosser Angst ersticket

Wann Daphnis mich nicht

Mit seinem Gesicht

So ich erkennt' erquicket.

Ich seuffzte und sprach'

Ach Daphnis ach! Ach!

Mein Hoffnung und mein Leben!

Vor Schrecken und Freud

In diesem Gestäud

Muß ich den Geist auffgeben:

Er sprache Clorind'

Dich rühig befind'

Bey mir wirst du nicht sterben!

Das Leben vielmehr

Und sondere Ehr

Von Daphnis heut erwerben.

Da führte mich Er

Von dannen nicht fehr

In einen schönen Keller

Und reichte dort mir

Ein göldnes Geschirr

Mit rohten Muscateller

Mit sprechen: nehm' hin

Lieb-durstige Binn

Ein wenig dich zu laben

Von diesem Getranck

Wie sehr du auch kranck

Wirst du Erquickung haben.

Ich nahme es zart

Nach höfflicher Art

An meinen Mund zu setzen

Die Lippen nur kaum

An jäsendem Schaum

Des rohten Saffts zu netzen:

Er sagte: der Wein

Clorinda ist dein

Du must ihn nicht verschmähen

Du kanst dich gar nicht

Wie etwann geschicht

Der Hitze halb vergähen.

Ich setze ihn an

Hab eben gethan

Wie er es mir befohlen

Und trinckte nach Lust

Der hitzigen Brust

(Bekenn es unverholen)

Es schleichte der Wein

So lieblich mir ein

Daß ich nicht könnt' ablassen

Biß nichtes schier gar

Darinnen mehr war'

Von dem sattlosen Nassen.

Es hatte der Safft

So treffliche Krafft

Daß ich gantz wurd erfrischet:

So lieblich war' er

Als wann er gantz wär'

Mit Hyblen-Safft vermischet:

Vor diesem Getranck

Muß unter den Banck

Der edle Bacharacher

Den jedermann nennt

Der ihne nur kennt

Den Lust- und Freuden-Macher.

Desgleichen am Rhein

EtschMosel und Meyn

Niemalen ist zu finden:

Des Neckers Geschmack

Verkrochen in Sack

Muß bleiben weit dahinden:

Es weicht ihm auch weit

Der sonsten die Leut

Bald singen macht und pfeiffen

Den man erst einführt

Wann alles gefrührt

Und gut wird von dem Reiffen.

Vernatscher Veldtlin-

LeutacherTromin-

Veldkirch- und Luethenberger

Die sonsten nicht schlimm

Seynd Wasser vor ihm

Zu schätzen ja noch ärger:

Der Frantz-Wein so gar

Und Spannische Wahr

Ihm nicht seynd zu vergleichen:

Was gutes Engadd,

Und Candia hat

Vor diesem müssen weichen.

Der Malvasier auch

Ist saiger und rauch

Safftloß der von Lagotten

So sinnlichen Wein

Hat Bacchus nicht ein-

Geführt aus seinen Trotten:

Auch Ganimed, satt

Des Götter-Weins hat

Desgleichen nicht verkostet

Aus Perlen auch nie

So köstliche Brühe

Cleopatra gemostet.

Er ware so gut

Zu machen den Muht

Daß ich stracks räuschig wurde

So daß mir nunmehr

Ist worden zu schwer

Mein träge Leibes-Burde:

Worauff ich dann bin

Gesuncken dahin

Krafft-los vor Liebs-Ohnmachten:

Auffschreyend offt laut

Mit Himmlischer Braut:

Ich muß vor Lieb verschmachten.

Als gegender Nacht

Ich endlich erwacht

Und mich allein befunden

Da ware mein Hertz

(O liebreicher Schmertz!)

Verletzt mit Liebes-Wunden:

Ich machte mich auff

Mit Hirschischem Lauff

Dem Daphnis nachzujagen:

Ach aber kein Haar

Zu sehen mehr war'

Die Lufft hat ihn vertragen.

Was solt' ich danun

Verlassene thun?

Wohin mich arme wenden?

All Hoffnung und Raht

Verlassen mich hat

An so hülfflosen Enden;

Ich nahme die Räiß

Durch manchen Umbkräiß

Biß ich hieher gehuncken:

Nun lig' ich allhier

Ohn' alle Sinn schier

Von Liebe Gottes truncken.

Ist niemand zu Land

Mir armen die Hand

Und treue Hülff zu reichen?

Ach lasset euch doch

Ihr Wanders-Leut noch

Erbetten und erweichen!

Ach lasset mich nicht

Wie öffter geschicht

Auff offner Straß verderben!

Ich werde euch schon

Von Daphnis den Lohn

Der treuen Hülff erwerben.