2.Die Grazien

By Jakob Michael Reinhold Lenz

Written 1771-01-01 - 1771-01-01

Wie? unsern Gürtel hat er aufgelöst?

Wie? unsre süsse Schüchternheit entblöst?

Mit ungeweyhten kühnen Bärenpfoten

Zerrissen unsre feinen Liebesknoten,

Womit oft Jahre lang die Jüngferliche Hand

Ein unverrauchtes gutes Herz umwand?

Und das erhebt man? uns die wir erschrocken

Versteinert standen, unsre seidnen Locken,

Den drinn verwahrten Veilchenkranz zerzaust

Und wie mit Gassenmenschern 'rumgehaust?

Ihr Götter Rache, Rache! ganz verachtet

Stehn wir anitzt, von jedem Gauch betrachtet

Gehöhnt, gestossen, ausgelacht

Als wären wir für ihn gemacht.

Kein edler Mann darf ohne sich zu schämen

Jetzt mehr vor uns den Hut herunter nehmen.

Kein Jüngling mehr, in dem noch Flammen wehn

Bleibt ohn' Erröthen bey uns stehn.

Ach unsre Macht ist aus, wir sind entehret.

Ein jeder schale Kopf verraucht, zerstöret,

Rühmt sich anjetzt mehr als vertraut, gemein

Initiirt in unserm Dienst zu seyn.

O Rache Rache Götter! in der Larve

Der Weißheit stand er da wie Mendelson und Garve.

Voll Demuth schlich er, mit mehr Aengstlichkeit,

Als ehmals Ritter sich Prinzeßinnen geweiht.

Er kniete, ach er schmeichelte,

Wir halfen ihm aus Mitleid' in die Höh,

Wir lächelten ihm Muth ein – wie ein Tyger

Fiel er über uns her und spannte wie Römische Sieger

Uns vor seinen Wagen und lachte und jubelte drob

Und ewiger Hohn ward uns sein Lob.

Komm mache dich auf Apoll, komm dein Gefolge zu rächen!

Sonst werden Furien selbst am Ende Hohn uns sprechen,

Und scheusliche Larven auf unserm Ruin

Olinden sich nennen und Bastarde ziehn.