2.Unsers Erlösers Fußwaschen

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Dem Tausend Seraphinen

Vnd Zehnmal Tausend dienen:

Dem alle Welt sich neiget

Vnd zitternd' Ehr erzeiget.

Hat das Er gleich gesetzet

Dem Vater nicht geschetzet

Dem Vater der die Erden

Durch ihn sein Wort hieß werden.

Er ist vmb vns zu dienen

In Knechts Gestalt erschienen.

Vnd als das Maal geheget

Hat Er sich abgeleget.

Mit einem Schurtz vmbhüllet

Ein Becken eingefüllet

Vnd vor der Jünger Füssen

Zu knyen sich beflissen.

Die fangt Er an zuwaschen!

O Mensch! O Erd! O Aschen!

Hat der den Gott gezeuget!

Sich dir so tieff gebeuget.

Kan dieses Liebe-Zeichen

Nicht Judas Hertz erweichen

Nein! Die verstockte Sinnen

Mag keine Treu gewinnen!

Doch Petrus als Er siehet

Wie sich sein Jesus mühet:

Fängt eilends an zu fragen!

Was wilst du Meister wagen?

Was ich ietzt wil verrichten!

Versteht dein Hertz mit nichten!

Spricht Jesus: Wenn's geschehen!

Wirst du was ferner sehen.

Herr! saget Petrus wider:

Hör: eh du fallest nieder:

Eh ich mir meine Füsse

Von dir berühren lisse

Solt' Himmel Lufft vnd Erden

Mir feind' vnd herbe werden.

Wasch ich dir nicht die Füsse

Fährt Jesus fort so wisse

Daß du kein Theil kanst haben

An Mir vnd meinen Gaben.

Drauff spricht Er wil ich eben

Dir Herr nicht widerstreben.

Ich wil dir Füß ingleichen

Auch Haupt vnd Hände reichen.

Nein sagt der Herr wer reine

Wäscht nur die Füß alleine.

Rein seyd ihr doch nicht Jeder.

Er trucknet' alle wider

Bekleidet sich vnd lehrte

Warumb Er so sie ehr'te.

Ihr pflegt mich Herr zu nennen:

Sprach Er; vnd must bekennen:

Daß ich zur Himmels-Thüre

Euch als ein Meister führe.

Wenn nun ich meine Hände

Zu euren Füssen wende

Mögt ihr mir wol nacharten

Einander selbst auffwarten.

Diß Beyspiel könnt ihr nehmen

Es darff kein Knecht sich schämen

Der weise nach zu leben

Die ihm sein Herr gegeben.

Wie hoch seyd ihr zuschätzen

Wo ihr dem nach könn't setzen.

Wie selig wil ich preisen:

Die würcklich diß erweisen.

O Qvell der Lieb vnd Lebens!

Der wäscht vnd liebt vergebens:

Der durch dein Blut nicht reine

Dich durch dich lib't alleine.