2.Verlangen nach den Ewigen Hügeln

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Der schnellen tage Traum:

Der leichten jahre raum

Rennet mit vnß nach der schwartzen Bar:

Eh' ich die zeit erkent

Wird meine zeit vollendt.

Wir dringen durch die welt

(Die stündlich wächst vnd fällt)

Nach der erblaßten Völcker schar!

Wir die wir lebend todt

Vnd stets voll herber noth.

Mit Thränen grüssen wir

In thränen lebt man hier:

Mit thränen gibt man gutte nacht!

Was ist der Erden Saal?

Ein herber thränen Thal!

Wie Rosen die wir zihn.

Auff Dörnern nur verblühn.

Wie ein verworff'nes Kind verschmacht:

So muß wer hie wil stehn

In kummer vntergehn.

Wenn der Morgenglantz der Erden

Tausendfaches leidt entdeckt!

Ruff ich: Ach wie wird es werden!

Ach wie wird mein Hertz erschreckt

Wenn die Nacht nun eingeschlichen

Vnd der stille Mond erwacht:

Schrey ich! ach wer ich erblichen.

Würd' ich doch ins Grab gebracht.

Platz der ewig-stätten wonne,

Ewig-lichter Himmelbaw

Wie daß ich nicht deine Sonne

Meiner Seelen licht anschaw?

Wer mag die nicht seelig nennen

Die auff deinen lichtern gehn?

Vnd der Lichter Fürst erkennen;

Die an GOTTES seiten stehn.

O Burg der sterbligkeit!

O Kercker voll von Leidt!

O Erden Leichen-volle grufft!

O Schlachtbanck Stock vnd See

O Abgrund-tieffes weh'!

Wie lange zieh' ich noch

Beschwert an deinem Joch'.

Wie daß mir nicht mein Liebster rufft?

Der mich mit trost entsetzt

Wenn mich die Angst verletzt!

Ach! meiner Seelen licht!

Ach meine zuversicht!

Erquicke mich in diesem schmertz!

Ernewre die Gedult

Vergiß der alten Schuldt!

Reiß was mich bindt entzwey!

Vnd mach' auß nöthen frey

Ein dir so fest-verlobtes Hertz!

Vnd führ auß dieser pein

Mich in dein Wonhauß eyn.

Wenn wirst du die nassen wangen

Trücknen mit der sanfften Handt?

Ach wenn wirst du mich vmbfangen

Mit der süssen Arme bandt?

Wenn wirst du von meinem Rucken

Reissen dieser Bürden pein

Die mich vnauffhörlich drücken?

Komm' Erlöser brich doch ein!

Kom gewündschter laß mich küssen

Dein liebreiches Angesicht!

Heiß den Himmel mir auffschlissen:

Nun mit wonung hier gebricht!

Gutte Nacht verfluchtes Leben!

Das man vnrecht leben nennt!

Der sich einig dir ergeben;

Hatt was leben nie erkennt.