2. Erntetage

By Louise Otto

Written 1856-01-01 - 1856-01-01

Verblüht ist längst so Korn als Wein!

Der Aehren golden Glänzen

Lädt schon der Schnitter Scharen ein

Zu frohen Erntetänzen.

Zur Arbeit, wie zur Freude ruft

Der Sommer allerwegen,

Und Vogelsang und Blumenduft

Verschönen seinen Segen.

Bald aber streift ein kühler Wind

Ob leeren Stoppelfeldern,

Die Vöglein still geworden sind

In Büschen und in Wäldern.

Die Traube nur noch glüht und schwillt

Langsam im Rebengarten,

Es läßt des Herbstes schönstes Bild

Gern lange sich erwarten.

Wer möchte tadeln sie darum?

Ist erst auch sie genommen,

Dann wird es einsam um und um,

Dann droht des Winters Kommen.

Dann sind die Vöglein all' verjagt,

Die Schwalben fortgeflogen,

Des Laubes Fallen traurig klagt,

Von Rot und Gold durchzogen.

Drum segnen wir die letzte Frucht

Als köstlichste von allen,

Von sonn'ger Höhe bis zur Schlucht

Ihr Dankeslieder schallen.

Ob's „Herbsten“ heißt im Volkesmund,

Ob „es wird Wein gelesen“,

Es thut sich allwärts jauchzend kund

Ein frisch und fröhlich Wesen.

Und weithin durch die Lüfte dröhnt's

Aus Flinten und aus Böllern.

Anwortend glänzend noch verschönt's

Buntfeuer von den Söllern.

Das ist die letzte Erntezeit –

Wenn Trauben Most geworden:

Dann hängt der Herbst sein buntes Kleid

Still an des Winters Pforten.

Doch Scheuern, Keller heimsten ein

Des Sommers höchste Gaben:

So sei gesegnet Korn und Wein,

Wenn wir geerntet haben.

Gesegnet sei in Blüt' und Frucht

Vor allen Gottesgaben!

Mag nun des Winters Sturm und Wucht

Das letzte Blatt begraben.

Gab uns der Sommer doch genug

Sein Scheiden zu ertragen;

Erinnerung und Geistesflug

Verscheuchen alle Klagen.