2. FabelVon der Poesie

By Christian Friedrich Hunold

Written 1697-01-01 - 1697-01-01

Die Poesie gieng einst spatzieren

Und traf die Lust Verstand und Weißheit an

Sie hörte sie den schärfsten Wort-Streit führen

Wem wohl die Welt am meisten unterthan.

Die Lust sprach: Ich beseele sie;

Vor meinem Pfeil entflieht ein Hertze nie.

Doch wandte der Verstand hier ein:

Mein Scepter prangt: wo rechte Menschen seyn.

Und ich kan mich verehret sehen

So gab die Weißheit drauf

Wo Seelen nach dem Himmel gehen.

Geliebte höret auf

So sprach die Poesie kommt ich will euch entscheiden:

Mein Reich kan euch zusammen leiden

Doch seyd ihr nicht zusammen wohl vergnügt

Nun wohl so sey es so gefügt:

Zehn Jahre soll das Reich geschickter Lust gebühren

Und zwantzig der Verstand das kluge Scepter führen

Die Weißheit trägt der Crone Kostbarkeit

Auch ohngefehr so lange Zeit.

Ach edle Poesie! so sprachen sie zugleich

So sind wir wohl vergnügt drauf theilten sie das Reich

Auch unter sich und ohne streiten

Und zwar in die vier Jahres Zeiten:

Die Sinnen reiche Lust nahm erst den Frühlings-Schein

Den Sommer der Verstand den Herbst die Weißheit ein.

Mein Leser fragst du nun wo doch der Winter bleibt?

Matz Tasche sitzet da erfroren:

Da herrschen zwey bekandte Thoren:

Der übel von mir spricht und üble Verße schreibt.