2. FabelVon der Poesie
Written 1697-01-01 - 1697-01-01
Die Poesie gieng einst spatzieren
Und traf die Lust Verstand und Weißheit an
Sie hörte sie den schärfsten Wort-Streit führen
Wem wohl die Welt am meisten unterthan.
Die Lust sprach: Ich beseele sie;
Vor meinem Pfeil entflieht ein Hertze nie.
Doch wandte der Verstand hier ein:
Mein Scepter prangt: wo rechte Menschen seyn.
Und ich kan mich verehret sehen
So gab die Weißheit drauf
Wo Seelen nach dem Himmel gehen.
Geliebte höret auf
So sprach die Poesie kommt ich will euch entscheiden:
Mein Reich kan euch zusammen leiden
Doch seyd ihr nicht zusammen wohl vergnügt
Nun wohl so sey es so gefügt:
Zehn Jahre soll das Reich geschickter Lust gebühren
Und zwantzig der Verstand das kluge Scepter führen
Die Weißheit trägt der Crone Kostbarkeit
Auch ohngefehr so lange Zeit.
Ach edle Poesie! so sprachen sie zugleich
So sind wir wohl vergnügt drauf theilten sie das Reich
Auch unter sich und ohne streiten
Und zwar in die vier Jahres Zeiten:
Die Sinnen reiche Lust nahm erst den Frühlings-Schein
Den Sommer der Verstand den Herbst die Weißheit ein.
Mein Leser fragst du nun wo doch der Winter bleibt?
Matz Tasche sitzet da erfroren:
Da herrschen zwey bekandte Thoren:
Der übel von mir spricht und üble Verße schreibt.