2. Gebet am Grabe

By Louise Otto

Written 1856-01-01 - 1856-01-01

Du gabst ihn mir – du hast ihn mir genommen,

Du ew'ger Gott, der unser Schicksal lenkt,

Mit ihm ward mir das höchste Glück geschenkt

Und nun ist mir das tiefste Leid gekommen.

Ich frage wohl: wie soll ich noch ertragen

Das Leben, das nun öde vor mir liegt

Seit ihn des Todes dunkle Macht besiegt

Und all umsonst mein Sehnen und mein Klagen?

Und doch – ob alle Hoffnungen versanken

Erinn'rung bleibt mir an die Seligkeit,

Die nur der Liebe süße Macht verleiht –

Und dafür muß ich selbst in Thränen danken.