2. In Eis und Schnee

By Louise Otto

Written 1856-01-01 - 1856-01-01

Das ist die Zeit, wo in Palästen

Von Gas und Kerzenschein erhellt,

Zu Tanz und Schmaus geladnen Gästen

In Glanz getaucht erscheint die Welt.

Das ist die Zeit wo Schlitten klingeln

Und auf des Eises glatter Bahn

Die Paare auch sich tanzend ringeln,

Sich fliehen bald und bald sich nahn.

Die Zeit ist's, wo in Hauses Enge

Sich alt und jung zusammen schließt

Und fern von eitler Pracht Gedränge,

Ein heimisch trautes Glück genießt.

Wenns draußen schneit, gern am Kamine

Man einsam ferner Zeit gedenkt,

Bald lächelnd, bald mit Forschermiene

In Rätselfragen sich versenkt.

Die Zeit ist's wo in kalter Kammer

Nur Dunkel herrscht und bittre Not

Zu Eis gefriert in allem Jammer

Das Wasser und das Stückchen Brot!

Und draußen auch im Feld, und Garten

Die Vöglein klagen matt und weh –

Auf Menschenliebe alle warten,

Wo grausam herrschen Eis und Schnee.

Das ist die Zeit im Dunkeln träumen

Und sinnen über reich und arm –

Wenn hier die Becher überschäumen

Und dort kein Tropfen lind und warm.

Im Ballsaal welken tausend Blüten

Als schönster Schmuck in Frauenhand –

Sie sind, je herrlicher sie glühten,

Des Reichtums, nicht der Liebe Pfand!

O wollt bei ihnen recht erwägen:

Es sei der Frauen Ideal

Um sich zu breiten Trost und Segen –

Sonst ist das Leben öd und schal.

Wer nicht im Winter denkt der Armen

Und Segen auszustreuen weiß,

Wird nie zu schöner Glut erwarmen,

Schmilzt allenthalben auch das Eis!

Für solche ist kein Lenzeswehen,

Kein Vögelein voll Dank und Preis –

Mag noch so hoch die Sonne stehen –

Sie sind erstarrt in Schnee und Eis.