20. Raffaels Jonas

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Immer, so oft ich träumend und ziellos schlendre dem Tor zu,

Lockt mich Santa Maria del Popolo – unter den Kirchen

Roms die gepriesenste nicht, doch mein erkorener Liebling –

Mit geheimer Gewalt in ihre bescheidene Pforte.

Still ist's drinnen und traulich, zumal zur Stunde des Mittags,

Wenn die Messe vorüber. Ein honigsüßes Gedüft von

Eben erloschenen Kerzen und Weihrauch wandelt im falben

Zwielicht magisch dahin und spielt in bläulichen Ringeln,

Wo durch bogige Fenster ein Sonnenschimmer hereinbricht.

Solches behagt dort hinten dem Mütterchen. Hüstelnd, den braunen

Rosenkranz in den Händen, hinüberdämmert sie friedlich,

Und auf Filzschuhn trippelt, als gönn' er ihr herzlich das bißchen

Kirchenschlummer, vorbei ihr Altersgenosse, der Küster,

Der auch mich wohl kennt und mir zuliebe die Kirchtür

Ein halb Stündlein später verschließt, obwohl er als Ketzer

Längst mich erkannt. Sein Schad' ist's nicht, noch bin ich im Weg ihm,

Wenn ich voll Andacht wieder die herrlichen Werke betrachte,

Die verschwenderisch hier des Sansovino beseelter

Meißel, der zärtliche Pinsel des Pinturicchio geschaffen.

Immer zuletzt dann weil' ich in jener berühmten Capella

Chigi, welche dem großen Saneser Bankier zur Familien-

Gruft er selber erbaut, der göttliche Raffael. Andre

Traten hinzu, wie ein Schatzkästlein mit Edelgesteinen,

Reich zu verzieren den Bau mit unsterblichen Meistergebilden.

Doch er selber entwarf für die Kuppel den Schmuck: die Planeten

Um Gottvater gereiht, des Firmamentes Erhalter,

Und nachschuf mit musivischer Kunst ein venedischer Meister

Sein erhabenes Werk. Doch mehr als alles ergreift mich

Dort in der Nische zur Linken die Knabengestalt, die der große

Urbinate, so heißt's, im Marmor bildend vollendet,

Er, den sämtliche Musen begabt mit Zaubergewalten.

Zu den Propheten gesellt, die vorverkündet den Heiland,

Sitzet der Knabe Jonas, gewandlos, in der Gebärde

Ahnungsvollen Erstaunens zurückgebogen, das Haupt nur

Vorgeneigt, wie gebannt von dem Schreckbild, das ihm zu Füßen

Auftaucht, eben ans Ufer gespült: der Rachen des grausen

Meerunholdes. Ergreift das Gemüt des Kindes die Ahnung

Seines Prophetengeschicks und schaudert die knospende Seele,

Weil im Bauche des Fisches dereinst drei Tage zu wohnen

Ihm vom Schöpfer bestimmt? Und doch, glückseliger Knabe,

Gehst du ja wieder hervor zu Licht und Leben und preisest

Um so froher den Herrn, der aus dem Grab dich errettet.

Ach, ich denke zurück an ein anderes Kind, dem auch einst

Wie ein Blitz in die Seele die Ahnung zückte, hinunter

Müss' es in schaurige Nacht. Aus fröhlichen Spielen auf einmal

Stürzt' es hinweg und warf mit schreckentgeistertem Antlitz

Sich in die Arme der Mutter. O liebe Mutter, was ist denn

Tod? Muß ich auch sterben? – Und mühsam glückt' es, den schwarzen

Traum ihm wieder zu scheuchen. Nun ward sein Ahnen verwirklicht;

Doch ihn zog kein gnädiger Gott aus der Tiefe zurück ans

Wärmende Licht, mit den Kindern der Welt sich des Tages zu freuen.

Und mir umflort sich der Blick. Durch täuschende Schleier der Wehmut

Glaub' ich das Bild zu erkennen, das ewig nahe, des Lieblings

Dort in der Nische, den Leib von Todesschauern umfröstelt.

Bist du's wirklich und rufst mir zu: O rette mich, Vater!

Sieh, es verschlingt mich der Tod! – Da rührt ein zitternder Finger

Sanft an der Schulter mich an: Es ist Zeit, Herr! – Und mit den Schlüsseln

Klirrend winkt mir der Alte. Ich wende mich ab, und erschüttert

Wank' ich hinaus an den Tag, als hätte mich selber der Abgrund

Ausgespien und ich trät' ein Gespenst in das sonnige Dasein.