21. Trauerweide und Reben

By Hermann von Lingg

Written 1862-01-01 - 1862-01-01

Die Heimat hatte mich beschenkt mit Reben,

Die pflanzt' ich ein an meine Gartenmauer

Und bat den Himmel, ihnen Schutz vor Schauer

Und ihrer Blüte Sonnenschein zu geben.

Da stieß ich mit der Schaufel hart daneben

Auf Wurzeln eines Baums von trotz'ger Dauer.

O Tränenweide, du bist's, Bild der Trauer?

Soll ich dich dulden hier, den Tod beim Leben?

Umwinde nur, ich muß es dir gestatten,

Die Wurzeln, denen Lust entsprießt, mit deinen,

Die Nahrung saugen für der Schwermut Schatten.

So pflegt im Leben auch, entsproßt dem einen

Verborgnen Grund, sich Lust und Leid zu gatten,

Und Lächeln ist so nah verwandt dem Weinen.