22. Die verfolgte Tugend

By Catharina Regina von Greiffenberg

Written 1647-01-01 - 1647-01-01

Tugend pflegt ja sonst zu geben

süsse Freud (wie daß sie mir:

Unruh ursacht für und für?)

Seither sie mein ganzes Leben

seither sie ist meine Lust

ist nur Unlust mir bewust.

Ach du Himmel voller Sterne!

kanst du auch vertunkelt seyn?

solte nicht dein heller Schein

alle Wolken jagen ferne?

ja der Donner scheut sich nicht

sie zu treffen ins Gesicht.

Wie auf edle Adler stechen

alle Vögel doch umsonst:

So versucht die Misvergunst

ihre Pfeil' auch abzubrechen

an der Tugend mit viel Schmerz:

doch geht er ihr selbst ins Herz.

Tugend ist ein Regenbogen

Ehren-bunter Himmelzeug;

doch auch gäher Regenß-Steig

der bald drauf komt hergezogen.

Ihr beglückter Sonnen Glanz

wird offt schier verdunckelt ganz.

Nun sie sey auch wie sie wolle:

einmal hab' ich sie erkiest.

Mein Schluß unzerbrüchlich ist

ewig treu er bleiben solle.

Um sie dult ichs allzumal

Donner Regen Blitz und Strahl.

Trutz des Wetters ungeheur

trutz der stürmen-vollen See

trutz des Winters Eis und Schnee

trutz den Strahlen trutz dem Feur

trutz was Tugend hindern will!

wann Gott will wird alles still.