22. Die WieseEnglisch

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Ich ging einst einen Frühlingstag,

Wo alles schön und lustig lag,

Kam an ein einsam Sommerhaus,

Ein liebes Mädchen trat heraus,

Und weint' und ging und sang betrübt:

„Ach, wer hat je, wie ich, geliebt!“

Sie ging die Wiese still umher,

Und rang die Hand und seufzte schwer;

Dann pflückte sie ein Blümchen ab,

Wie's hie und da die Wiese gab,

Maasliebchen, klein' Vergiß mein nicht,

Und seufzte: „ach er liebt mich nicht!“

Sie band die Blumen in ein Bund,

Weint' noch einmal aus Herzensgrund:

„Vergiß mein nicht! hier bind ich dich,

Für wen? – Maasliebchen, schaust auf mich,

Weinst um mich! – Ja, ich bin betrübt;

Er hat mich nicht, wie ich ihn geliebt.“

Nun hatt' sie Busen voll und Schoos,

Und ach! nun ward ihr Schmerz zu groß;

Sie goß die liebe Bürd' hinab;

Liegt, sprach sie, seyd mein sanftes Grab!

Und sank dahin – ein stilles Ach

Voll Lieb' und Leid ihr Herz zerbrach.