[22.]

By Martin Opitz

Written 1618-01-01 - 1618-01-01

Mein Nüßler, und ist diß dein Rath,

Ich sol die schnöde Wollust hassen

Und die, so mich bethöret hat,

Die schöne Flavia, verlassen?

Sprich, sagst du, deine Musen an,

Setz' an die Feder, das zu schreiben,

Durch welches dein Gerüchte kan

In Ewigkeit hernach bekleiben.

Laß fahren, die zu wenig ist,

Daß sie die viel gewünschten Sachen,

Die du zu tichten auserkiest,

Sol ganz und gar zu Wasser machen.

Denk' an den Ruhm, den du nunmehr

Bei großen Leuten hast erworben;

Seit daß du liebst, ist schier die Ehr'

In ihrer ersten Blüt' erstorben.

War ist es, ich bin jetzund fast

Der Bücher ärgster Todfeind worden,

Nun Venus, die gewünschte Last,

Mich wieder hat in ihrem Orden.

Doch bin ich sehr in Zweifel noch,

Ob auch des bloßen Lobes wegen

Das Joch, das angenehme Joch,

Sei ganz und gar hinweg zu legen.

Dieweil ich kürzlich sol hernach

Die lange Nacht vergraben liegen,

Was hilft michs, durch viel Ungemach

Und Müh ein' Hand voll Ehre kriegen?

Kein Vers, wie künstlich er mag sein,

Der kan mir jetzund Bürge werden,

Man werde dieses mein Gebein

Bedecken mit fein leichter Erden.

Doch wol, laß meine Poesie

Und was ich sonsten möchte schreiben,

Als zu Ergetzung meiner Müh,

Ein hundert Jahr' und lenger bleiben:

Bin ich mehr als Anacreon,

Als Stesichor, und Simonides,

Als Antimachus, und Bion,

Als Philet, oder Bacchylides?

Ist aber dir dann nicht bekant

Der Griechen schöne Zier im Tichten?

Was sol nun diese meine Hand

In deutscher Sprache können richten?

Nein, nein, ich lobe meinen Sinn

Und hoff', es sol mir auch gelingen,

Daß das, worauf ich kommen bin,

Noch möglich sei mir, zu vollbringen.

Das dünkt mich gar viel besser sein,

Als derer Fleiß, die nichts erwerben

Durch ihre Reim' als leichten Schein,

Und doch für Hunger kaum nicht sterben.