23. Auf die in den Sonneten gedachte zuruck gegangene Pfingst-Reise
By Catharina Regina von Greiffenberg
Written 1647-01-01 - 1647-01-01
Helle Flammina mein Herzens- begehren!
muß ich dich gänzlich- verhoffet entbähren?
müssen so löbliche Lebens-Gedanken
von dem erheblichen Tugend-Zweck wanken?
Solt nicht solch löblichs verlangen siegprangen?
solt ich mit Abschlag-beschämeten Wangen
lassen solch alte gewaltige Sitten?
ist mir die Hoffnungs-Schnur gänzlich zerschnitten?
Dreifache Schnüre sonst selten zerreissen:
aber mein Vnglück will alles zerschmeissen.
Eine zu kurz ist die andre zerschnitten
selber zerreiß' ich die dritt' in der mitten.
Leider! des leidigen Vngelücks Tücke
meine Lust meinen Trost treiben zu rücke
daß ich muß niessen die Feuer-Corallen
welche von meiner Flammina stäts fallen:
Muß den Herzbrechenden Kummer verschweigen
darff keinen Vnlust noch Traurigkeit zeigen;
muß den Herzbrennend-und quälenden Schmerzen
heimlich verbergen zu innerst im Herzen.
Diese Sach ligt mir unendlich in Sinnen
all meine Anschläg sich enden hierinnen.
hab in dem Traume manch lieblich Gesichte
welches doch wachend wird wider zu nichte.
Meine Flammina läst sich in den Auen
gleichfalls als in den Pallästen beschauen.
Ihre Allgegenwart füllet die Erden
kan mir mein Leben auch überall werden.
Ihre Bestrahlung vor alles ich wähle
weil ihre Göttlichkeit ewig zur Stelle.
Raubet man mir schon die sichtbaren Blicke:
helle Vnsichtbarkeit mich nur erquicke!
Diese ungläublich-geglaubete Sachen
kan mir kein Menschen-Macht ruckstellig machen.
Ob sie mit Hindernuß mich schon betrüben:
niemand kan wehren das innerlich lieben.
Helle Flammina! du liebest die deinen
Ob sie die Feinde zu stürzen vermeinen;
wann die Erdkräfften all stürmen zusammen
lästu mich sehen Geist-Strahlen und Flammen.
Glücklich O glücklich dieselbige Stunde
da du befeurest Herz Zungen und Munde!
laß mich die quickenden Lippen geniessen
daß sie mich süssest berühren und küssen!