24.Gott der Gärtner

By Ernst Moritz Arndt

Written 1814-01-01 - 1814-01-01

Die Erde ist ein Garten

Voll süßer Blümelein,

Gott selbst will ihrer warten

Und gerne Gärtner sein,

Will ihrer spät und früh

In frommer Treue pflegen,

Mit Sonnenschein und Regen

Und Tau erquicken sie.

Die erste Blum' vor allen

Das muß die Liebe sein,

Der Menschen Wohlgefallen,

Der Engel schönster Schein:

Sie ist die Rose rot

Und muß auf Dornen stehen,

Sobald die Winde wehen,

Ist ihre Schöne tot.

Die zweite, die Gott liebet

Nächst Liebe allerbest',

Ist, die das Gute übet

Und sich nichts merken läßt;

Ihr Name Demut heißt,

Auf Erden auch das Veilchen,

Sie blüht ein kurzes Weilchen

Und kaum die Blüte weist.

Der Glaube heißt die dritte,

Sie duftet nur bei Nacht

In aller Geister Mitte

Bei voller Himmelspracht:

Da tut das Herz sich auf

Der frommen Nachtviole,

Wann hell von Pol zu Pole

Sich schwingt der Sterne Lauf.

Auch Hoffnung ist nicht minder

Ein liebes Gotteskind,

Wohl liebstes seiner Kinder,

Die nur hienieden sind.

Schneeblümchen grün und bleich,

Holdselig von Gebärden,

Du bist ihr Bild auf Erden,

Kommst mit dem Lenz zugleich.

Auch du, die im Gemüte

Beständig ist und treu,

Du, aller Zeiten Blüte,

Mir lieb gegrüßet sei!

Merlblümchen frisch und bunt!

Beständigkeit soll leben!

O wolle Gott uns geben

Solche Lieb' zu jeder Stund'!

Und du, die auf dem Throne

Des Blumengartens sitzt

Und mit der weißen Krone

Gleich einem Engel blitzt,

O Lilie, Unschuld süß!

Du winkest lieb uns hinnen

Mit Herzen und mit Sinnen

Zurück zum Paradies.

Noch Blumen viel und Kräuter

Hat Gott der Gärtner mehr,

Wer sie erzählte weiter,

Zählt wohl den Sand am Meer:

Wieviel er ausgestreut,

Wie könnt' ich alle zählen

Die zarten Blumenseelen

Im bunten Sonnenkleid!

Sollt' ich mir eine nehmen,

Die Lilie müßt' es sein,

Steht wie ein Geisterschemen

Mit hellem Himmelschein;

Wehmütig geht ihr Blick

Empor zum Licht der Sterne,

Sie wäre gar zu gerne

Zum Vaterland zurück.

O Gärtner treu und milde,

Der alles kann und weiß,

Mach' mich zu ihrem Bilde,

Mach' mich so rein und weiß.

Dann kann ich droben froh

Als Lilienmädchen kommen

Und unter allen Frommen

In Unschuld blühen so.