26. Der Grübler und Apoll

By Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Written 1761-01-01 - 1761-01-01

Der Grübler Narados, von Vorurteilen frei,

Behauptete, der Gott zu Delphi sei

Betrug, Erfindung, Pfafferei!

Und seinem Griechenland die Fabel zu beweisen,

Beschloß er, von Athen nach Delphi selbst zu reisen.

Noch grübelnd kam er an mit einem Sperling; stand,

In zugeschloßner Hand

Den Sperling haltend, vor dem Gotte.

Die stolze Seele voll von überklugem Spotte,

Dacht er: den Stümper will ich wohl

In meine Schlinge kriegen!

Ja wahrlich! spricht Apoll:

Tot ist der Sperling! dann laß ich den Sperling fliegen;

Spricht er: Du Thor, er ist lebendig! dann

Zeig' ich ihn tot! ihr Herrn! so bring' ich eure Lügen,

Geglaubt von keinem klugen Mann,

Ans helle Tageslicht; und die Vernunft wird siegen!

Was ist der Sperling hier in meiner Hand? du Gott!

Ist er lebendig, oder tot? –

Tot, oder was du willst, antwortete dem Frager

Apoll der Wahrheit-Sager;

Bestraft' ihn aber nicht; ließ ihn

Nach dem erleuchteten Athen

In Frieden seine Straße ziehn.

Wär's heut zu Tage so geschehn,

In Rom? in Lissabon? in Hamburg? oder Wien?