28. Lied vom HofeDeutsch

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Wer sich nimmt an,

Und 's Rädlein kan

Hübsch auf der Bahn

Lahn umher gahn,

Und schmeichlen schön

Findt jedermann

Ein Feil und Wahn,

Ist jezt im Korb der beste Hahn.

(Oder der geht zu Hof jezt oben an.

Oder der ist zu Hof am besten dran.)

Denn wer gedächt'

Zu leben schlecht,

Fromm und gerecht

Die Wahrheit brächt';

Der wird durchächt

Und gar geschwächt

Gehönt, geschmä[ch]t

Und bleibt allzeit der andern Knecht.

Beym Schmeichelstab'

Gewinnt mancher Knab'

Groß Gut und Haab',

Geld, Gunst und Gab'

Preiß, Ehr und Lob

Stößt andre herab,

Daß Er hoch trab'

So geht die Welt jezt auf und ab.

Wer solchs nicht kann

Zu Hofe than;

Thue sich davon,

Ihm wird zu Lohn

Nur Spott und Hohn:

Denn Heuchelmann

Und Spötterzahn

Ist jezt zu Hof am besten dran.