2An einen Freund

By Gottfried Keller

Written 1844-01-01 - 1844-01-01

Du, der so lang im Herzen mich geborgen

Mit allen meinen grämlichen Gebrechen,

Mit meinen hastig immer neuen Schwächen,

Mit allen meinen wunderlichen Sorgen;

Die Hand verzeihend botest jeden Morgen,

Wenn ich die Nacht vorher mit blindem Stechen,

Mit ungerechtem, vorwurfsvollem Sprechen

Dir schnitt ins Herz, so treu und unverborgen:

Nicht um zu spähn nach Tadel oder Lobe,

Will ich dir diese Lieder übersenden,

Die zagend unter meiner Hand verblassen!

Nein, nur zur letzten, schweren Freundesprobe:

Ich muß mich gegen deinen Glauben wenden –

Wirst du mich darum endlich doch verlassen?