3. Lobgesang .

By Gottfried August Bürger

Heller glänzt Aurorens Schleier.

Auf! Begint den Lobgesang!

Töne drein, geweihte Leier!

Hall’ am Felsen, Wiederklang!

Eryzinens Hauch durchdringet,

Bis zur Gränze der Natur,

Wo die lezte Sfäre klinget,

Alle Pulse der Natur.

Sie befruchtet Land und Meere,

Sie das weite Luftrevier.

Wie sie zeuge, wie gebäre,

Weis die Kreatur von ihr.

Morgen liebe, wer die Liebe

Schon gekant!

Morgen liebe, wer die Liebe

Nie empfand!

Wie mit blinkendem Gesteine,

Schmükt sie bräutlich unsre Welt;

Streuet Blüthen auf die Haine,

Blumen über Wies’ und Feld.

Sie enthült die Anemonen,

Schliest den goldnen Krokus auf;

Sezet die azurnen Kronen

Prangenden Cyanen auf.

Den Päonien entfaltet

Sie das purpurne Gewand.

Wie der Mädchen Busen, spaltet

Junge Rosen ihre Hand.

In den Ichor ihrer Wunde

Ward ihr Silberblat getaucht,

Und aus ihrem füssen Munde

Wolgeruch hinein gehaucht.

Morgen liebe, wer die Liebe

Schon gekant!

Morgen liebe, wer die Liebe

Nie empfand!

Liebe segnet die Gefilde,

Und beseliget den Hain;

Liebe flöst dem rauhen Wilde

Wonnigliche Regung ein.

Gatten um die Gatten hüpfen

Rüstig durch den Wiesengrund.

Afroditens Hände knüpfen

Ihren süssen Liebesbund.

Alte Sage bringt zu Ohren:

Daß sie auf der Hirtenflur

Selber einst den Sohn geboren,

Den Beherscher der Natur.

Morgen liebe, wer die Liebe

Schon gekant!

Morgen liebe, wer die Liebe

Nie empfand!

Sie entris Anchisens Laren

Dem entflamten Ilion,

Und aus tausend Meergefaren

Den verfolgten frommen Sohn.

Sie war’s, die die Hand Aeneens

Und Laviniens verband;

Und die keusche Zone Rheens

Löste sie durch Mavors Hand.

Sie vermälte Romuls Diener,

Halb durch List und halb durch Macht,

Mit den Töchtern der Sabiner.

Aus den Küssen erster Nacht

Keimten glänzende Geschlechter,

Mit der Zeiten Wechsellauf,

Patrioten und Verächter

Ihres Todes keimten auf.

Morgen liebe, wer die Liebe

Schon gekant!

Morgen liebe, wer die Liebe

Nie empfand!

Schall’, o Maigesang, erschalle!

Töne, Cypris Hochgesang!

Hört ihr? Singen ihr nicht alle

Fluren, alle Wälder Dank?

Von dem Anger tönt das laute

Lustgebrüll der Heerden ihr.

Aus dem hohen Haidekraute

Zirpen tausend Grillen ihr.

Ihr nur schnattert das Gefieder

Von den Teichen Dank empor;

Und der edlern Vögel Lieder

Sind ein Opfer ihrem Ohr.

Horcht! Es wirbelt Philomele

Tief aus Pappelweiden drein.

Liebe seufzet ihre Kehle;

Keine Klage kan es seyn.

Nicht um Tereus Grausamkeiten

Wimmert Prognens Schwester mehr.

Sol ich nicht ihr Lied begleiten?

Stimmet mich kein Frühling mehr?

Phöbus, säng’ ich nicht dem Maien,

Säng’ ich nicht, o Liebe, dir,

Würde nimmer mir verzeihen.

Stimm’ und Laute nähm’ er mir.

Drum so werde, wann die Schwalbe

Singend ihre Wonung baut,

Werd’, o Sang, gleichwie die Schwalbe

Nach der Winterstille laut!

Morgen liebe, wer die Liebe

Schon gekant!

Morgen liebe, wer die Liebe

Nie empfand!