30. Aus dem Lateinischen versetzt

By Catharina Regina von Greiffenberg

Written 1647-01-01 - 1647-01-01

A und O du grosser Gott

mein Gott mein Gott in der Noht!

welches Krafft kan alles machen

dessen Sinn weiß alle Sachen

dessen Seyn das Höchste Gut

der auch lauter Gutes thut;

ob- und unter allen schwebend

ausser-und in allen lebend

unter allen ungeschmäht

ober allen unerhöht;

inner aller unverschlossen

ausser allen unverstossen

über alls mit Herrsch-Gewalt

untersich als Aufenthalt;

alls begreiffend' ausser allen

drinn erfüllend nachgefallen

wird darinnen nicht gedrängt

noch heraussen was verlängt;

unten unbetrübt im walten

oben auch ununterhalten

Welt-bewegend unbewegt

hätst all Oerter ungehegt;

wandelst unverwandt die Zeiten

flüchtigs stillst ohn Flüchtigkeiten;

nötige noch äusre Krafft

endert dein' Ureigenschafft.

Was vorbey was soll geschehen

kanstualls vor Augen sehen:

ja es ist dir allzeit heut

unzertheilte Ewigkeit!

deine Vorsicht wacht in allen.

Schaffst auch alles nach gefallen.

Zu dem Bild des Höchsten Sinn

ordnest die Urwesen hin.

Nun der wahre Gott in diesen

Drey in einem wird gepriesen:

in dem Wesen Einigkeit

Drey-Persöhnlich doch allzeit.

In Personen keine eher

keine kleiner keine höher.

Der gebohrn dem Vatter gleichet

gleich mit Wesen ist bereichet:

ist des Vatters Bild und Strahl

Schöpfer und Geschöpf zumahl;

ist an Macht nicht minder mächtig

an Gestalt und Seyn gleich prächtig;

so viel jener so viel der;

welches jener solches er.

Aus was der er auch in gleichen

kan in allem ihn erreichen.

Vatter einer der gebahr;

Sohn der der gebohren war;

und der Geist von beeden gehet:

Drey-ein-wesend Gott bestehet.

Wahrer Gott muß jeder seyn:

doch nicht Götter Gott allein.

Gott der Sohn mit Fleisch umgeben

wolt mit Fleisch bekleidet leben.

Du der ewig-Zeitlich bist

der Unsterblich ewig ist:

wahrer Gott und Mensch gebohren

Gott und Mensch doch unverloren.

Gott ist nicht ins Fleisch versetzt.

durch das Fleisch auch nicht verletzt.

dieses nur der Höchst' annahm

unverzehrt durch Gottheits-Flamm.

Nach der Gottheit jenem gleichet

nach der Menschheit ihm doch weichet:

Gott muß Gottes Vatter seyn

Mutter eine Jungfrau rein.

in so neuen seltnen Banden

zwo Naturen sind verhanden.

Er behielte was er war:

was er nicht sie auch gebahr.

Unser Mittler und Vorsprecher

unser Höll-und Tod-Zerbrecher

ließ beschneid-und tauffen sich;

ward gekreutzigt starb für mich;

fuhr hinab die Höll zu stürmen;

stund' und fuhr' auf uns zu schirmen

zu dem klaren Himmel-Liecht

daß er alle Welt dann richt.

Und das unerschaffne Weben

ohn Geburt und Seyn-Anheben

das dem Sohn und Vatter gleicht

als ihr Geist aus beeden streicht.

Die selbständig Gottheits-Flammen

die beständig hält zusammen

Gott ist unveränderlich

läst auch nicht verwandlen sich.

Dieses ist das wahre glauben

sonder falsche Irrthums-Schrauben.

Wie ich sage glaub' ich auch

gib nicht nach dem bösen Brauch.

Guter Gott! daher ichs wage

ob wol böß doch nicht verzage.

Hab' ich schon den Tod verdient:

hat mich doch dein Tod versühnt.

liebst du mich ich nichts verlange

als den Glauben der Sieg-prange

ohne schauen; bitt' allein

brich die Bande meiner Pein.

In den Pflastern deiner Wunden

wird der Kranken Heil gefunden.