38.Ursprung, Beschaffenheit, Zweck und Geschichte der Monarchie.

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Ihr Männer, hört, daß Gott Euch höre!

Die Bäume wollten sich zur Ehre

Ein Königreich. Sie kamen

Zum Oelbaum: „Baum,

Sei unser König!“ „Ich?

Soll die Fette von mir weisen,

Die Menschen itzt und Götter preisen,

Und hingehn und, ein dürres Leben,

Ueber den Bäumen schweben?“

Sie kamen

Zum Feigenbaum:

„Sei unser König!“ „Ich?

Soll die Süße von mir weisen,

Die Menschen itzt und Götter preisen,

Und hingehn und, ein dürres Leben,

Ueber den Bäumen schweben?“

Sie wandten sich

Zum Weinstock: „Baum,

Sei unser König!“ „Ich?

Soll den Saft mir lassen rauben,

Der in meinen vollen Trauben

Menschen itzt und Gott entzückt,

Tod und Trauer neu erquickt,

Soll hingehn und, ein ödes, dürres Leben,

Ueber den Bäumen schweben?“

Ermüdet gaben Alle sich

Dem Dornbusch: „Edler, hoher Baum,

Sei unser König Du!“ Und kaum

Hört' Dornbusch es, so fühlt' er seinen Werth

Und sprach, wie folgt: „Weil Ihr denn Mich,

Wie Recht ist und wie sich's gebührt,

Als Euren König ehrt

Und gebet Euch in Meinen Schatten

Und weiten Raum,

Der Alles ziert

Und Alle schützt und nährt,

Die ehrfurchtsvoll sich ihm

Ergeben hatten,

Hinwiederum beweis' Ich Mich

König!

Geh, Feuerflamm', im Ungestüm

Vom Dornbusch aus und beuge dort

Die starren Cedern Libanus',

Die sich entwurzeln nicht und kommen her

Dem Könige zu Fuß!“

Und wie's denn ohngefähr

Hie oder dort,

Spät oder früh

In wohlgewählter Monarchie

Ergehen muß.