38. Spazir- oder Schäfer-Liedlein

By Catharina Regina von Greiffenberg

Written 1647-01-01 - 1647-01-01

In den angenehmen Auen

komm ich Gottes Güt zuschauer

wann der Abend einher bricht.

wann die Schäflein bey der Tränke

seinen Wundern ich nach denke

meine Lobes-Pflicht verricht.

Setz mich bey dem Bächlein nider

und betrachte hin und wider

meines Schöpffers Schaffungs-Kunst

in der Erden Blumen-bringen:

die will mit dem Himmel ringen

ob ertheilter Gnaden-Gunst.

In dem kommet mir zu Ohren

so beliebt und auserkohren

meiner Nachtigalle Schall;

da die Tochter in den Lüfften

macht erschallen aus den Klüfften:

dir sey Preiß O ewigs All?

Pfleg die lange Zeit zu kürzen

und die Einsamkeit zu würzen

mit der keuschen Bücher-Lust:

jedes Blat ist mir ein Flügel

und ein nachgelassner Zügel

zu der süssen Himmel Brust.

Laß die Schaf in Schatten stehen

pfleg dieweil auf sie zu sehen:

denke dieser Hoheit nach

die ich künfftig werd besitzen

da mein' Ehren-Kron wird glitzen

als die Sonne tausendfach.

Ob ich dieser Zeit schon habe

nichts als meinen Hirtenstabe:

weiß ich doch ein Königreich

inner dem Saphiren-Dache

und Demantinen Gemache

das ich sterbend' erbe gleich.

Lebe von der Schäflein Wolle

wünsche nichts als was ich solle

bin in meiner Armut reich

und ein Königin bey Schaafen

kan ohn' Angst und Sorgen schlaffen

werd ob keinem Stürmen bleich.

Gottes Lob ist all mein dichten:

alls pfleg' ich dahin zu richten

daß sein Name werd gepreist.

In betrachtung seiner Wunder

leg' ich mich: und werde munder

daß er der noch mehr mir weist.