4. Clorinda trachtet in ihrer Aengstigkeit dem Zorn Gottes zu entfliehen/ befind...

By Laurentius von Schnüffis

Written 1667-01-01 - 1667-01-01

O ihr verborgne Ritzen

In hoher Felsen Spitzen

Ihr auffgespaltne Stein

Seyt mir in meinem Jammer

Doch eine Zufluchts-Kammer

Ach laßt mich bey euch ein!

Ach aber bey den Steinen

Darff ich gar nicht erscheinen

Ohn grossen Zanck und Streit

Weil ich den Lebens-Felsen

Den niemand kan umbwälsen

Von mir gestossen weit.

Ihr aber hole Krufften

Ihr unbewohnte Klufften

In zugeschloßner Erd'

Laßt mich in euer Tieffen

Verborgenheit verschlieffen

Daß ich unsichtbar werd'.

Ach aber keine Gräber

Seind frey von dem Urheber

Der alles hat gemacht.

Nichts kan in tieffer Erden

Vor ihm unsichtbar werden

Er weißt von keiner Nacht.

Möcht ich dann mit den Knaben

Von Hamel mich vergraben

Und ewig sperren ein:

So wolt' ich eingeschlossen

Gar gern und unverdrossen

Des Tods Gefangner seyn.

Doch nein dann auch was Dunckel

Scheint ihm gleich wie Carfunckel

Die Nacht gläntzt wie der Tag

Die Schatten ihme scheinen

Wie Gold in finstern heinen

Sich niemand bergen mag.

Wann auch schon die Berg-Knappen

Die Aertz-vernarrte Lappen

Meil-tieff verstoßten mich

So wurd' ich doch alldorten

Gleich wie an allen Orten

O Gott antreffen dich.

Als Adam in den Hecken

Sich forchtsam wolt verstecken

Wurd' er gefangen bald:

Gott siht scharff ohne Brüllen

Niemand kan sich verhüllen

Auch nicht im dicksten Wald.

Cain nicht könnte fliehen

Obschon sich wolt' entziehen

Der blutige Bößwicht:

Gott wurd' es eilends innen

Er konnte nicht entrinnen

Vor seinem Angesicht.

Jonas nach Tharsis flüchtig

Hielt' alles schon für richtig

Holländisch durchzugehn.

Könnt' aber nicht entweichen

Den Segel müßt er streichen

Und Gott gehorsam stehn.

Kein Ort ist also finster

Und zu der Flucht gewünschter

Als das Cimmerjer-Land

Allwo die Sonn entfehret

Die Nacht sechs Monat wehret

In unverwendtem Stand.

Du aber Ursprungs-Bronnen

Der Morgen-Röht und Sonnen

Du beyde hast gemacht:

Vor dir ist nichts verborgen

Dein ist der Tag und Morgen

Der Abend und die Nacht.

Man sagt viel von dem weiten

Grund-losen aller Seiten

Mæotischen Morast

Daß niemand dorten wohne

Als etwann (Zweiffels ohne)

Ein Welt-verwies'ner Gast.

Dort mitten in den Rohren

Wolt' Ich ich wär' verlohren

Und nicht zu finden mehr

Dort' wolt' ich mich betragen

Mein Elend heimlich klagen

Dem wanckenden Geröhr.

Ach! aber aller Enden

Bin ich in Gottes Händen

Wo niemand ist ist Er:

Sein Liecht unumbekräntzet

Den Himmel übergräntzet

Kein Ort ist seiner lähr.

Vielleicht ist in dem nassen

Neptunus Reich gelassen

Zur Ausflucht noch ein Ort?

Wird dann wo Thetys wohnet

Den Flüchtigen verschonet

Daß sie unsträfflich dort?

Ach nein! vergebens bellen

Vor Gott die wilden Wellen

Er herrschet über sie:

So klein ist kein Geschöpfflein

(Auch nicht ein Wassertröpfflein)

So ihm verborgen je.

Werd' ich mich schon aufschwingen

Biß in den Himmel dringen

O Gott so bist du dort:

Erzeigest also mächtig

So sichtbar und so prächtig

Dich auch an keinem Ort.

Und werd' ich nach der Höllen

Mich auch begeben wöllen

O Gott so bist du da!

Du wirst da von den bösen

Ohn' einiges erlösen

Genug gefühlet ja.

Nemm' ich früh meine Flügel

Und flieg' mit vollem Zügel

Biß an das End des Meers

So wirst du mich berühren

Mit deiner Rechten führen

Ich wöll' es oder wehrs.