4. Commentarius über nachstehende Ode(Chloris, oder die korinthische Säule)Chlor...

By Abraham Gotthelf Kästner

Written 1742-01-01 - 1742-01-01

Gewisser, als auf Marmorsäulen,

Trotzt in Homers geweihten Zeilen

Achilles der Vergessenheit:

Vor kleiner Schönen schlechter Menge

Erhebt sich Chloris Reiz und Länge.

Mein Blick, seit er nach ihr sich lenkt,

Wird niemals jenen zugesenkt.

Nicht glatter Schmuck von niedern Köpfen,

Nicht Haar, das sich in braunen Zöpfen

Verwirrt um gelbe Nacken schwingt:

Nur Chloris Haar kann mich vergnügen,

Das stolz, sich so erhöht zu biegen,

Sich Reihenweis in Locken schlingt.

So steht, bey niedrer Säulen Dicke,

Der Baukunst schlankes Meisterstücke,

Und trägt den Knauf so hoch als schön,

An dem sich sechzehn Wirbel drehn:

O Künstler, so viel Reiz zu zeigen,

Macht ihr der Griechinn Reiz ihm eigen,

Sie schenkt ihm Länge, Locken, Tracht;

Doch soll man es für Chloris halten:

Gebt ihm statt der verjüngten Falten

Des steifen Rockes weite Pracht.