4.Manet unica virtus

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Es ist vergebens Lælia daß man acht

Der Augen glantz der trefflichen Stirnen pracht

Der Purpur Mund der Schnee der wangen;

Sey mächtig dieses Hertz zufangen!

Nein! ewre Lippen sind nur umbsonst bemüht!

Ob gleich diß Antlitz gleich einer Rose blüht:

Ob gleich das übersüsse singen

Auch mächtig Löwen zu bezwingen!

Schönste Syren Der lieblichen Seiten klang

Die marmor Brust der lustigen Füsse gang

Diß Fleisch dem alle Lilien weichen

Der Leib dem kein geschöpff zu gleichen;

Der Hände Schnee der mächtigen Arme bandt

Sind viel zu nichtig wenn nicht das werthe Pfandt

Das nur deß Himmels gunst außtheilet

Die Tugend ew'er schwachheit heilet.

Die werthe Tugend Lælia bleibt vnd steht!

Wenn nun die schönheit alß lichter blitz vergeht

Vnd wenn die beyden Stern' erbleichen:

Vnd wenn der Cörper wird zur Leichen.

Die steckt mich jetzt mit schütternden flammen an!

Die macht daß ich mich selbst nicht regiren kan

Die zwingt mich auß mir selbst zu reissen

Vnd was nicht ewig hin zuschmeissen.

Weg welt! weg Erden! nichtige Phantasie!

Weg Standt! weg Ehre! flüchtiger jtzt als je!

Weg was mein Geist zuvor geliebet!

Weg was mein schlechtes Hertz betrübet.

Gelehrte Torheit! köstlicher vnverstandt!

Vor mein begehren! jtzt nun du nur bekandt

Mein Schmertz vnd Irren geh' bey seitte:

Eh' ich mich ferner mehr verleitte.

Weg meine Lauten! was wird das singen seyn

Wenn man die Glieder setzt in die gruben eyn?

Wird jemand was ich schreibe lesen;

Wann ich werd' in der grufft verwesen?

Was wird es helffen wenn der entleibte Geist

Bloß vnd alleine nach dem Gerichte reißt

Daß mich ein sterblich Mensch geehret:

Vnd mir mit anmuth zu gehöret?

Die Tugend bricht das schreckliche Netz entzwey:

Trotzt Tod vnd Hölle: spricht vns von schmertzen frey.

Sie lehrt was jrrdisch ist verlachen.

Vnd kan vnß gleich den Göttern machen.