4. Walpurgis

By Gottfried Keller

Written 1854-01-01 - 1854-01-01

Ich fürcht nicht Gespenster,

Keine Hexen und Feen,

Und lieb's, in ihre tiefen

Glühaugen zu sehn.

Am Wald, in dem grünen

Unheimlichen See,

Da wohnet ein Nachtweib,

Das ist weiß wie der Schnee.

Es haßt meiner Schönheit

Unschuldige Zier;

Wenn ich nächtlich vorbeigeh,

So zankt es mit mir.

Doch der Schein meiner Augen

Und das Rot von meinem Mund

Verscheuchen das Spukweib

Alsbald auf den Grund.

Jüngst, als ich im Mondschein

Am Waldwasser stand,

Fuhr sie auf ohne Schleier,

Ohne alles Gewand!

Es schwammen ihre Glieder

In der taghellen Nacht;

Der Himmel war trunken

Von der höllischen Pracht.

Aber ich hab entblößet

Meine lebendige Brust;

Da hat sie mit Schande

Versinken gemußt!