40. Lob der zu Zeiten angenehmen Einsamkeit
By Catharina Regina von Greiffenberg
Written 1647-01-01 - 1647-01-01
Ach Einsamkeit mein einigs Leben
du vielbeliebte Sinnen-Ruh!
wie spricht der Geist so lieblich zu!
es kan sich ungescheut erheben
zu ihme die verlangens-Krafft
und nehmen seinen edlen Safft!
O Herz-erlesne liebe Stille!
man hört in dir des Himmels Wort;
die Seuffzer gehen richtig fort;
man siht des Höchsten Ziel und Wille
du ungetrübter klarer Bach
zeigst mir die reine Gottes-Sach.
Du bist der rechte Wunder-Schatten
wann Weißheit-Sonn' in uns eingeht.
In dir der geistig Geist versteht
die unerforschbarn Gottes-Thaten.
In deinem Dunkel komt herfür
die Strahlenreiche Sternen-Zier!
Verhinderung der Hindernüssen
Ausschlüssung aller Widrigkeit!
der Tugend einig-eigne Zeit
in der wir ihre Lust geniessen
da uns der Welt Gerümpel nicht
die süss' Ergetzung unterbricht!
Du offnes Feld des süssen Wesen
der Erzgab von des höchsten Hand
der Freyheit die ohn' alle Band
in dir weil du sie aufzulösen
begunst durch deine Eygenschafft
die nit mit Forcht und Scheu behafft.
Ununterbrochnes munders schlaffen
du kurzes Bild der Ewigkeit
von allem Streit befreyt und weit!
du Hönig-König sonder Waffen
schwingst dich in Gottes Blumen hin
und bringest süssen Safft Gewinn.
Du allerschönste Perlen-Mutter
die Geistes-Thau in dir erzeugt
und Weißheit selber in dir säugt!
in dir bleibt Tugend also guter;
kein Boßheit-Salz kommt nicht in dich
du bleibst süß-lieblich ewiglich.
Der Erzgefangenen du giebest
der Heimlichkeit den Freyheitstand
du lösest das Verschweigungs-Band:
so äusserst du das Wolthun liebest.
Kurz! edler lieber Ruhe-Schatz!
in dir hat Herz und Freyheit Platz.