5. Das Gefühl

By Barthold Heinrich Brockes

Written 1713-01-01 - 1713-01-01

Hiemit stellen wir dem Dencken

Vom Geschmack nun auch ein Ziel,

Unsre Geister hinzulencken

Aufs empfindliche Gefühl,

Dessen Kräfte den Gedancken

Ohne Mass' und ohne Schrancken

Allenthalben, allgemein,

Und im gantzen Cörper seyn.

Eines Cörpers Leichte, Schwere,

Glätte, Fest- und Flüssigkeit,

Was gefüllet ist, das Leere,

Hart und weich, lang, schmal und breit,

Was sich biegt, was stumpf, was spitzig,

Was erfüllt von Frost, was hitzig,

Naß und trocken, warm und kühl

Zeigt der Seele das Gefühl.

And're Sinne können trügen;

Ihm ist minder Trug bewust.

Alles menschliche Vergnügen,

Anmuth, Wollust, Freud' und Lust

Fliessen bloß aus dieser Quelle;

Und die allerkleinste Stelle

Unsers Cörpers hat die Kraft,

Daß sie Lust der Seelen schafft.

Die vier andern Sinne scheinen

Kinder des Gefühls zu seyn,

Und es wird kein Mensch verneinen,

Daß sie gegen dieses klein;

Daß die Kräfte jener Sinnen

Bloß aus dem Gefühle rinnen;

Weil ihr Ursprung und ihr Ziel

Selbst ein zärtliches Gefühl.

Die so gross- als kleinen Sehnen,

Die in dem Gehirn entstehn,

Sich in tausend Zweige dehnen,

Unsern gantzen Leib durchgehn,

Und nur in der Haut aufhören;

Sind der Geistigkeiten Röhren,

Wodurch so vor Lust als Pein

Alle Cörper fühlbar seyn.

Wo sich diese Röhren enden,

Trifft man kleine Wärtzchen an,

Welche man in unsern Händen

Noch am meisten mercken kann.

Hiedruch scheinen wir zu spühren:

Wenn sie was, so hart, berühren;

Biegt sich jede zarte Spitz',

Und bewegt des Sinnes Sitz.

Davon kommts, wie ich ermesse,

Daß die Cörper fühlbar sind,

Wenn die Härte mit der Grösse

In dem Vorwurf sich verbindt.

Luft kann sich daher nicht fassen,

Auch sich das nicht fühlen lassen,

Was zwar hart, doch gar zu klein,

Wie gewisse Pulver seyn.

Daß wir unsre Glieder regen,

Daß die Menschen Menschen seyn,

Stammet, wenn wirs recht erwegen,

Nur aus dem Gefühl allein.

Unsrer Eltern zarte Triebe

Kamen aus der Lust der Liebe,

Und der Liebe Schertz und Spiel

Ist ein kitzelndes Gefühl.

Weil der Bey-Schlaf alle Theile

Zu des Kindes Wesen führt,

Wird auch jedes Glied in Eile

Aufs empfindlichste gerührt.

Dieß vermehret das Begehren,

Uns beständig zu vermehren,

Welches, wenn mans recht ermisst,

Ein besonders Wunder ist.

Merckt, wozu der Sinn uns tauge!

Es ist gleichsam das Gefühl

Aller unsrer Glieder Auge,

Unsers Wohlseyns eintzigs Ziel.

Will uns Hitz' und Frost versehren;

Eilt ihr Trieb, es abzuwehren.

Unser Leib wird der Gefahr

Auch so gar im Schlaf gewahr.

Daß wir Schmertzen können leiden,

Und empfindlich sind für Pein,

Lehrt uns alle Sachen meiden,

Die uns schäd- und tödtlich seyn.

Diesem Sinn' ists zuzuschreiben,

Wenn wir unversehret bleiben.

Daß man sein' Erhaltung sucht,

Ist nur des Gefühles Frucht.