5. Die Fahrt zur GeliebtenLappländisch

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Sonne, wirf den hellesten Stral auf den Orra-See!

Ich möchte steigen auf jeden Fichtengipfel,

Wüst' ich nur, ich sähe den Orra-See.

Ich stieg' auf ihn und blickte nach meiner Lieben,

Wo unter Blumen sie itzo sey.

Ich schnitt' ihm ab die Zweige, die jungen frischen Zweige,

Alle Aestchen schnitt' ich ihm ab, die grünen Aestchen. –

Hätt' ich Flügel, zu dir zu fliegen. Krähenflügel,

Dem Laufe der Wolken folgt' ich, ziehend zum Orra-See.

Aber mir fehlen die Flügel, Entenflügel,

Füsse, rudernde Füsse der Gänse, die hin mich trügen zu dir.

Lange gnug hast du gewartet, so viel Tage,

Deine schönsten Tage,

Mit deinen lieblichen Augen, mit deinem freundlichen Herzen.

Und wolltest du mir auch weit entfliehn,

Ich holte dich schnell ein.

Was ist stärker und fester als Eisenketten, als gewundne Flechten,

So flicht die Lieb' uns unsern Sinn um,

Und ändert Will' und Gedanken.

Knabenwille ist Windeswille,

Jünglings Gedanken lange Gedanken.

Wollt' ich alle sie hören, alle –

Ich irrte ab vom Wege, dem rechten Wege.

Einen Schluß hab' ich, dem will ich folgen,

So weiß ich, ich finde den rechten Weg.